Kultur : Traumwelten Mechanischer Zirkus

und Pilz-Performance

Astrid Priebs-Tröger

Wer nicht gerne ausdauernd träumt, hatte am Montagabend bei Unidram nichts verloren. Denn beide Aufführungen des Abends widmeten sich auf ganz unterschiedliche Weise diesem vielfarbig schillerndem Zwischenreich. Die spanischen Brüder Senen und Jomi Oligor luden gerade mal 50 Besucher in ihren geheimnisvollen Bastelkeller ein: Ein mit Kabeln, Fäden und Konstruktionen vollgestopftes Zelt. Dicht an dicht saßen die Zuschauer auf einer halbrunden Holztribüne und verfolgten bald mit Ausrufen des Erstaunens und Entzückens die Auftritte der kleinen Puppe Virginia, die auf einem Elefanten reitet oder in einer Minieisenbahn ihrem Traumziel Paris entgegenfährt.

In dieser fantastischen Welt aus mechanischen Spielzeugen und Maschinen, bunten Seifenblasen und spanischen Herz-Schmerz-Schlagern des vorigen Jahrhunderts entspinnt sich eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte zwischen Virginia und Valentino, die von Jomi Oligor mit leuchtenden Kinderaugen sowohl erzählt als auch gespielt wird. Der hochpoetische Erfinder und Träumer nimmt sein Publikum dabei direkt aber liebevoll in Beschlag und bringt dieses kleine „Theatrum mundi“ nicht nur eigenhändig zum Funktionieren, sondern verschmilzt am Ende selbst mit seiner Lieblingsfigur. Was dabei an Philosophischem zu Liebe, Leben und Träumen rüberkommt, lässt vor allem große „Kinder“ voll auf ihre Kosten kommen.

Wir hoffen, dass wir nicht geträumt haben, sagte eine Zuschauerin am Ende des 90-minütigen Spektakels, das im heimeligen Halbdunkel und mit seinen zumeist geraunten „Erklärungen“ viel Raum für eigene Träume und Fantasien ließ. Nach einigen wilden Seilbahnfahrten, romantischen Spaziergängen am Strand, Sternschnuppen, Feuerwerk und Sturm in einer Wasserschüssel brauchte man eine Weile, um sich in der Außenwelt wieder zurechtzufinden und vor allem dafür, das eben Gesehene einigermaßen in Worte zu kleiden. Doch von der kinetischen Spielwiese der Brüder Oligor waren es nur ein paar Schritte in den Wald der tschechischen Gruppe Handa Gote.

Die sich in ihrer jüngsten Musik-, Bewegungs- und Computerperformance der magischen Welt der „Mushrooms“ verschrieben hat. Kein Wunder, dass vor allem Jugendliche zu den Besuchern der Spätvorstellung zählten, die grünlich ausgeleuchtet und ziemlich neblig begann. Und in sehr bodenständigen Bewegungsbildern die Jagd auf die faszinierenden und psychotropen Gewächse eröffnete. Inspiriert von den Happenings John Cages, der selbst bekennender Pilzforscher ist, entwickelte danach vor allem die Musik der Performance einen andauernden Sog, der so manchen Zuschauer mit geschlossenen Augen wahrscheinlich eine ganz spezielle Reise machen ließ.

Doch das Zusammenspiel der einzelnen Elemente zählte nicht zu den Stärken. Ziemlich überladen, manchmal beliebig – vor allem in der an Shakespeares „Sommernachtstraum“ erinnernden Szenerie – insgesamt unausgewogen, wollte sich ein kunstvoller Glücksrausch nicht vordergründig einstellen und auch der freundlich zurückhaltende Beifall zeigte, dass wohl andere Traumwelten erwartet worden waren. Astrid Priebs-Tröger

„Die Bedrängnisse der Virginia“ wieder heute, 19.30 Uhr, und morgen, 21 Uhr, in der Schinkelhalle, Schiffbauergasse

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