Kultur : Trauer in Weiß

Die Ausstellung „salt sea sugar ship“ in der „ae-Galerie“ erinnert an die Katastrophe von Fukushima

Ein handgroßes Salz-Gewächs. Megumi Fukudas „Crystal – Die Geschichte von der Erschaffung der Welt“, 2011.
Ein handgroßes Salz-Gewächs. Megumi Fukudas „Crystal – Die Geschichte von der Erschaffung der Welt“, 2011.Foto: ae-Galerie/Andy Kern

Es könnte das Salz der Tränen sein: Eingetütet und wie schaukelnde Segelboote im Hafen der Erinnerung vertaut. Doch das Salz in den sieben durchsichtigen Plastikbeuteln, die weiß gerahmt in der „ae-Galerie“ im Luisenforum zu sehen sind, stammt aus der Nordsee. Die japanische Künstlerin Megumi Fukuda schöpfte im vergangenen Sommer während ihres Stipendienaufenthalts im Kunsthaus Eckernförde jeden Tag drei Liter Meerwasser und kochte und filterte es so lange, bis nur noch Salzkristalle übrig blieben. Vielleicht sind dabei auch ihre Tränen hineingeflossen. Denn das Meer spülte die Erinnerung an Fukushima wieder mit großer Wucht nach oben.

In der Ausstellung „salt sea sugar ship“ setzt sie der Vergänglichkeit des Zuckers, mit der sich das ebenfalls aus Japan stammende männliche Künstlerduo „Tomoeda & Murano“ beschäftigt, die konservierende Wirkung des Salzes entgegen.

Eigentlich hatte sich Megumi Fukuda in dem bei Kiel liegenden Eckernförde vorgenommen, ihre Buchobjekte in der japanischen Falttechnik des Origami fortzusetzen. Doch die Bilder der Katastrophe vom 11. März waren stärker. Die 35-Jährige begann ein Salz-Projekt als „work in progress“ und wird es an anderen Meeresufern fortsetzen: An der Ostsee, in ihrer Heimatstadt Hiroshima und vor allem im strahlenbelasteten Fukushima, auch wenn sie damit ganz sicher ein politisches Minenfeld betritt. In der religiösen Vorstellung Megumi Fukudas befinden sich im Meersalz von Fukushima Spuren der sich auflösenden menschlichen Körper. Doch die Welt der Kristalle hat für sie nicht nur eine spirituelle Ebene. Die junge Frau, die in Hiroshima und an der Universität der Künste Berlin studierte, geht als nächstes unter die Erde, um sich in einem Salzstock ganz wissenschaftlich mit der Konsistenz der Kristalle auseinanderzusetzen.

Die „Zaubermuschel“, die in der „ae-Galerie“ in bizarrer Schönheit funkelnd von der Decke hängt, wirkt wie ein Fixstern, der ihr den Weg dahin leuchten könnte. Unter der Salzkruste dieses handgroßen meditativen Glitzerobjekts verbirgt sich ein Fundstück: ein Mini-Buch mit der „Geschichte von der Erschaffung der Welt“. Megumi Fukuda hat die Blätter mit Salzwasser besprüht und nach einigen Wochen verformten sie sich zu einem ausgebreiteten Fächer: Auf der einen Seite geometrisch akkurat und schroff, auf der anderen weich und sinnlich.

In dem nur mit acht Objekten bestückten Galerieraum, den die drei japanischen Künstler von allem überflüssigem Mobiliar befreiten und in einer sakraler Klarheit wirken lassen, thront gegenüber der Salztütenwand ein kleines karamellisiertes Zuckerschiff. Als Vorbild diente ein Rotorschiff aus den 30er Jahren, das einst über den Wannsee schipperte. Die braungebrannte klebrige Schöpfung tropft aus ihrer aufgeschnittenen Gipsform langsam heraus und wird sich alsbald verflüssigt haben. „Tomoeda & Murano“ sorgten bereits 2010 beim Dockvillefestival in Hamburg für Auflösung. Maßstabgerecht bauten sie dort in ihrer „Werft“ die „Gorch Fock“ nach, um das Zuckersegelschiff schließlich in der Elbe zu Wasser zu lassen. In wenigen Sekunden löste sich die wochenlange akribische Arbeit in Nichts auf. Galeristin Angelika Euchner zeigt den Ausstellungsbesuchern den filmischen Mitschnitt dieses Untergangs. „Für die Künstler ist das Boot ein Symbol für die Verbindung zwischen Japan und Hamburg, die ja auch nur flüchtig ist.“ Alle drei Künstler beziehen in ihren Werken die Heimat immer wieder mit ein. Es gibt keine Beliebigkeit. Aber ihre stille Form der Auseinandersetzung kommt auch nicht ganz ohne Erklärung aus. So wie die Salzkristalle in den Tüten, die sich in immer anderer Konsistenz und Farbnuance zeigen: entsprechend des geschöpften Wassers, das sich jeden Tag unterschied.

„Megumi Fukuda brauchte die Leere des Raumes, um sie mit ihrer sehr eigenen stillen Trauerarbeit zu füllen“, sagt Angelika Euchner, die die japanische Künstlerin schon von früheren Werken kennt. So zeigte die seit zehn Jahren in Berlin lebende Objektkünstlerin in einer von ihrer Kunstprofessorin Rebecca Horn kuratierten Gruppenausstellung im Schloss Sacrow Teile ihres „Ewigen Gartens“ und ließ es bunte Tulpen regnen. Megumi Fukuda, deren Großvater nach dem Atombombenabwurf 1945 auf Hiroshima seine Arbeit als Gärtner beenden musste, brachte 1000 Plastiktulpen aus Japan mit und pflanzte sie auf Brachland. Sie fotografierte die blühende künstliche Pracht, um sie sogleich wieder zu vernichten.

Angelika Euchner wollte unbedingt auf die Katastrophe von Fukushima mit einer Ausstellung reagieren, ohne reißerisch zu wirken. Sie erinnerte sich an Megumi Fukuda, an die stille konsequente Künstlerin mit dem großen festen Lebensplan. Für die Ausstellung „salt sea sugar ship“ heuerte Megumi Fukuda zudem die zwei „Zuckerjungs“ aus ihrer Heimat an, um gemeinsam über Vergänglichkeit sowie über das kollektive und individuelle Gedächtnis nachzudenken.

Sie selbst verpackte ihre Trauer in Tüten. Zu Kristallen geronnen, für die Nachwelt konserviert.

Zu sehen ist die Ausstellung bis 18. Januar, Mi und Fr 15 bis 19 Uhr sowie Sa 12 bis 16 Uhr im Luisenforum, Hermann-Elflein-Str. 18 zu sehen. Am Freitag, den 13. Januar, um 19 Uhr sind die Künstler zu Gast und erzählen über ihre Arbeit