• Ton Steine Scherben im Lindenpark Potsdam: Keine Nacht für niemand

Ton Steine Scherben im Lindenpark Potsdam : Keine Nacht für niemand

Als auferstandene Legende wurde das Ton Steine Scherben-Konzert im Lindenpark Potsdam angekündigt.

Oliver Dietrich

Potsdam - Was für Legenden: Ton Steine Scherben waren in den 1970er- und 80er-Jahren die deutsche Rockband schlechthin, was nicht zuletzt am charismatischen Frontmann Rio Reiser lag. Und an der bewegten Zeit: Als die „Scherben“ 1970 auf der Insel Fehmarn zum „Love-and-Peace-Festival“ spielten, brannten die Veranstalter mit der Kohle durch. Während die Band spielte, zündeten die ersten Gäste das Organisationsbüro an, kurz darauf stand die Bühne selbst in Flammen. Ob die Brandstiftung direkt der Band zugewiesen werden konnte, blieb unklar, jedenfalls wurden Ton Steine Scherben schlagartig bekannt und zum Kulturgut der Westberliner Hausbesetzerszene: Mit Songs wie „Keine Macht für niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ entstand ein Soundtrack, der beispielhaft für die linken 70er-Jahre war.

Rio Reiser starb bereits 1996, elf Jahre nach Auflösung der Band. Aber auch 20 Jahre später bleibt er eine musikalische Ikone. Eine Ikone, an der man auch scheitern kann: Das bewies Selig-Frontmann Jan Plewka etwa im Dezember 2013, als er Reiser im Waschhaus in die unselige Schmachtecke verfrachtete. Ein verdammt hohes Risiko also für das Konzert am Samstagabend im Lindenpark: Dort hatten sich Ton Steine Scherben als auferstandene Legende angekündigt. Dass die Band bereits in den 80er-Jahren als hoch verschuldet galt, lässt natürlich den unterschwelligen Vorwurf entstehen, dass die Reunion nur ein Versuch sei, aus dem alten Ruf noch etwas Kapital zu schlagen – immerhin war das Konzert mit 25 Euro Eintritt kein Hausbesetzerevent. Zwei der Ur-Scherben gibt es jedenfalls noch: Kai Sichtermann am Bass ist sogar Gründungsmitglied, Schlagzeuger Funky K. Götzner stieß 1974 zur Band. Immerhin kann man der Band damit keine Anbiederung vorwerfen. Und da die beiden natürlich keinen Rio Reiser mehr auftreiben konnten, wurde der Nürnberger Liedermacher Gymmick engagiert.

Erstaunlicherweise rettete gerade der den Abend, weil er keine Reiser-Kopie ist, sondern den Songs seinen eigenen Anstrich verpasst, ohne sich zu weit vom Original zu entfernen. Und vielleicht würde Reiser heute genauso klingen: Mit einer rauen, leicht verlebten Stimme. Aber Gymmick hat es auch leicht: Die Songs funktionieren musikalisch immer noch, weil sie schon vorher gut waren. Und das Gros der Besucher bekam das, für was es bezahlt hatte: Eine zuweilen melancholische Zeitreise zurück, damals, als man noch in Westberliner besetzten Häusern zusammengesessen hat. Heute ist ja alles anders: Da klatscht man brav, aber nicht zu lange, schließlich muss man noch nach Hause und am Montag wieder arbeiten.

Und genau da liegt das Problem: beim Setting. So eine Wiedervereinigung wäre da am besten aufgehoben, wo sie vom Kontext her hingehört, im Archiv etwa. Denn dieses Konglomerat aus Brecht-Zitaten und Kampfparolen zur Befreiung der Arbeiterklasse wirkt irgendwie obsolet, fast peinlich, in einen marxistischen Hohlraum geworfen, wo es jetzt seltsam antiquiert herumliegt. „Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?“, singt Gymmick, und man lächelt über den Duktus, den Reiser damals jedoch bluternst meinte. „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ – die Utopie ist da längst von der Realität eingeholt worden. Und das ist das Dilemma: das Konzert kommt einfach 30 Jahre zu spät, ist aus dem Kontext gerissen. Das politische Aufbegehren wird von einem Konzert für kuschelnde Mid-age-Pärchen ersetzt. Und das hat Rio Reiser beim besten Willen nicht gewollt

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