• „Timm Thaler“ in Potsdam: Ein Heimspiel

„Timm Thaler“ in Potsdam : Ein Heimspiel

Über das Konzert zum Film „Timm Thaler“ nach dem literarischen Evergreen von James Krüss im Nikolaisaal.

Nikolaikirche in Potsdam.
Nikolaikirche in Potsdam.Foto: S. Gabsch

Postdam - Wetten, dass mit Pauken und Trompeten selbst der Teufel in den Boden gespielt werden kann? Und wetten, dass Glockenklänge das zarte Band der ersten Liebe zum Schwingen bringen? Um gewonnene Wetten und ein verlorenes Lachen geht es in Timm Thaler, dem literarischen Evergreen von James Krüss. Das Lieblingsbuch aus Kindertagen brachte Regisseur Andreas Dresen 2016 ins Kino. Untermalt und durchzogen ist das moderne Gruselmärchen von der nuancenreichen Musik des Babelsberger Komponisten Johannes Repka: live eingespielt vom Babelsberger Filmorchester. Für das Konzert am Samstag im Nikolaisaal wurde diese maßgeschneiderte Einspielung nun wieder herausgelöst. Das Orchester brachte die Musik im Filmlivekonzert zur Aufführung. Hinten die laufenden Bilder, vorne der große Klangkörper. Wie zu Stummfilmzeiten. Nur, dass im Hier und Jetzt die Musiker und der Dirigent Lorenz Dangel über Kopfhörer aufs Engste mit dem Filmgeschehen verbandelt waren.

Bevor das Orchester im Halbdunkel verschwand und Timm Thaler seine klarinettenfeine Herzlichkeit entfachte, gab sich erstmal das Filmteam die Ehre und verbeugte sich vor heimischem Publikum im ausverkauften Saal. Moderator Knut Elstermann sprach von einem „regionalpatriotischen Ereignis“, als er Andreas Dresen, Johannes Repka, Nadja Uhl und Timm-Darsteller Arved Friese auf die Bühne bat. Auch der Schöpfer des Abspann-Liedes, „Das Licht dieser Welt“, Gisbert zu Knyphausen, gesellte sich dazu. Dresen erinnerte sich, wie er unter der Bettdecke seines Schweriner Kinderzimmers in der Paperback-Ausgabe schmökerte. Nie hätte er sich träumen lassen, dieses Buch einmal zu verfilmen. Aber wie heißt es in Knyphausens Lied? „Die Welt ist voller Wunder und du auch“. Und so gelang es dem Regisseur, sich seinen Traum zu erfüllen. Wie in den sowjetischen und Defa-Märchen sollte auch sein Film von märchenhaft musikalischer Größe sein. Größe bedeutet hier indes nicht pompös und ausladend, sondern eher leise, hintergründig. Nur wenn es auf den Feldzug gegen den Baron, den Teufelsbraten geht, darf alles aufgefahren werden.

„Im Idealfall achtet man gar nicht auf die Musik, sie schwingt einfach mit“, sagte Johannes Repka, bevor das Konzert begann. Am Anfang fiel es noch schwer, das Orchester aus den Augen und Ohren zu verlieren. Die Musik ging erst einmal in Führung. Doch bald schwangen sich die Musiker auf die Bilder ein. Gerade, wenn man den Film bereits kannte, war es hochspannend zu beobachten, wann welche Instrumente das Sagen haben: Die Celeste, um das einfache Leben zu zeichnen, der Kontrabass, um die hinterlistigen, irgendwie auch sympathischen Ratten (Axel Prahl und der unvergessene Andreas Schmidt) einzufangen, Glasinstrumente, um die Kälte des Barons (Justus von Dohnányi) fühlen zu lassen. Dieses Filmlivekonzert, bei dem am Ende Andreas Dresen und von Knyphausen „Das Licht dieser Welt“ gemeinsam sangen, erwies sich als gewonnenes Heimspiel. 

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