• Theater und Klima: Wer, wenn nicht sie

Theater und Klima : Wer, wenn nicht sie

Paradoxer Betrieb: Am Hans Otto Theater entsteht ein Stück über Greta Thunberg, das Haus hat inhaltlich beste Klima-Expertise - und doch bezieht es selbst nicht einmal Ökostrom. Warum?

"Good. Better. Greta. oder Wer, wenn nicht wir?", so heißt das Stück von Frank Abt, das Greta Thunberg zum Ausgangspunkt nimmt.  
"Good. Better. Greta. oder Wer, wenn nicht wir?", so heißt das Stück von Frank Abt, das Greta Thunberg zum Ausgangspunkt nimmt.  Foto: Thomas M. Jauk

Potsdam - Auch wenn es weniger waren als gedacht: Am Freitag ging die Jugend wieder für die Zukunft auf die Straße. Fridays for Future fröstelt vielleicht, dürfte aber auch 2022 ein Thema bleiben. Nachhaltigkeit ist in aller Munde – auch am Hans Otto Theater. Dort ist eine Uraufführung zur Ikone der Umweltbewegung in Arbeit. „Good. Better. Greta“ heißt das Stück, Premiere ist am 15. Januar. Untertitel: „Wer, wenn nicht wir?“

Kein Stück ist angekündigt, sondern ein „theatraler Dialog“ zwischen den Generationen. Auf der Bühne werden Mitglieder des Ensembles stehen, aber auch Potsdamer Jugendliche, der Jüngste gerade erst 13 geworden. Regie führt Frank Abt, ein Kenner dokumentarischen Theaters – am Deutschen Theater hat er vor ein paar Jahren Menschen zu den Themen „Glaube Liebe Hoffnung“ befragt.

Ein rasender Zug ins Nichts

Nun also der Klimawandel. Es ist nicht das erste Mal, dass das Hans Otto Theater sich damit beschäftigt. Schon zum Auftakt von Bettina Jahnkes Intendanz 2018 schlug eines der beiden Stücke zur Eröffnung mit aller ästhetischer, literarischer Wucht in die Klima-Kerbe: „paradies spielen“ von Thomas Köck, ein zeitgenössischer Text, der für die Dringlichkeit der selbstgemachten Katastrophe ein prägnantes Bild findet: ein rasender Zug ins Nichts.

Das war eine Ansage. Dazu kommt: Premiere von „paradies spielen“ war nur vier Wochen, nachdem Greta Thunberg das erste Mal die Schule für das Klima schwänzte – und Monate, bevor die Streiks in Deutschland begannen. Das Theater rannte hier keinem Trend nach, es beschrieb ihn schon, als der Trend noch gar nicht geboren war. Eine Seltenheit, und ein Idealfall für den sonst oft schwerfälligen Theaterbetrieb. 

Die Frau mit Sensor für Klima-Themen

So ein Sensor am Theater ist nur möglich, wenn es früh in die richtigen Themen investiert – heißt also: in die richtigen Menschen. Am Hans Otto Theater heißt dieser Mensch Natalie Driemeyer. Die Dramaturgin kam 2018 ans Haus, den Nachhaltigkeits-Sensor schon lange bestens entwickelt. Seit 2011 beschäftigt sie sich mit dem Thema, kuratierte in Bremen Reihen wie „Klima-Sichten“ und „Kaputtalismus“. 

2013 und 2014 machte sie Pause vom deutschen Theaterbetrieb und weitete den Blick. Ging auf „Welt-Klima-Theater-Recherche-Reise“ nach Südostasien und Südamerika. Sie rief 2020 die AG „Klimawandel und Theater“ am HOT ins Leben, ermutigte Theatermitarbeiter:innen und „Externe“, sich selbst einzubringen. 

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Theaterintern gründete sich kurz vor dem ersten Lockdown eine zweite Gruppe: Mitarbeiter:innen, denen das Thema am Herzen liegt. Driemeyer selbst, eine Schneiderin, ein Musiker, jemand aus der Öffentlichkeitsarbeit und die Schauspieler Joachim Berger und Hannes Schumacher – beide in der „Greta“-Produktion dabei. 

Eine umtriebige hausinterne Klima-Gruppe

Sechs Leute nur hat die interne Klima-AG, aber es ist eine umtriebige Truppe. Sie regte an, dass aussortierte Kleidungsstücke aus dem Kostümfundus wöchentlich über Twitter verlost werden, bemühen sich um ein konsequentes Mülltrennungssystem – und fragten bei der Geschäftsführung an, ob sich auf dem Flachdach des Theaters nicht eine Solaranlage installieren ließe. Die Antwort steht noch aus. 

Auch das Bemühen um das Naheliegendste – Ökostrom – hängt noch in der Luft. Vonseiten der Theaterleitung heißt es: Man würde ja gerne. Aber: Das Hans Otto Theater ist eine städtische GmbH. Und, so Intendantin Bettina Jahnke: „Die Vergaberichtlinien sehen vor, immer den preiswertesten Anbieter zu nehmen.“ Seit zwei Jahren ringt sie mit der Politik, die Richtlinien zu ändern.

Bühne und Realität

Das führt zum zentralen Paradoxon beim Thema „Theater und Klima“. Das Bewusstsein für die Dringlichkeit ist bei Leitung und Dramaturgie offenbar da – aber das Haus weit davon entfernt, seinen Betrieb danach auszurichten. Auf der Bühne werden Kapitalismuskritik und Klima verhandelt – aber in der Realität hapert es am Ökostrom. Aus Kostengründen.

Gern hätte man Natalie Driemeyer dazu befragt, sie befindet sich jedoch im Mutterschutz. Aber in einem Beitrag für die Zeitschrift Theater der Zeit schrieb sie: „Die auf der Bühne verhandelten Themen müssen auch im Theaterbetrieb selbst gelebt werden“. In dem Text stellt sie auch die für Potsdam wesentliche Frage: „Wie viel ist den Städten, die den Klimanotstand ausgerufen haben, die Reduktion von CO2-Ausstößen und ein nachhaltiges Arbeiten wert?“

Eine Emissionsanalyse - zu teuer? 

In Potsdam, wo der Klimanotstand 2019 ausgerufen wurde, reicht es nicht einmal für Ökostrom. 
Und nicht nur das. Das Hans Otto Theater ist zwar die Institution, die die höchste Förderung erhält (10,6 Millionen Euro) – einen Überblick über die CO2-Emissionen dieses Tankers jedoch gibt es nicht. „Das Thema Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein ist fester Bestandteil unseres Leitbildes“, beharrt Bettina Jahnke. 

Sie berichtet von „kleinen Schritten mit großer Wirkung“: klimaneutrales Papier, Mülltrennung auf allen Etagen, keine umweltschädlichen Lacke und Farben, keine Plastikverpackungen. Aber Auskunft darüber, wie viel CO2 das Haus verbraucht, kann weder sie noch die Stadt geben – jedenfalls nicht innerhalb weniger Tage, heißt es.

Es hapert jedoch nicht nur an der Zeit, sondern offenbar auch hier am Geld. Eine CO2-Bilanz zu erstellen, sei aufwändig und teuer, so Jahnke. „Wir würden das sehr gern angehen, aber momentan legt Corona sämtliche zusätzlichen Aktivitäten lahm.“ Nur: Sollte die Emissionsanalyse des Theaters in einer Stadt, die den Klimanotstand Ernst nimmt, wirklich unter „zusätzliche Aktivitäten“ laufen?

Nur zögerliche Selbstüberprüfung

Potsdam ist in seiner Laxheit bei Weitem nicht allein. „Die meisten Bühnen in Deutschland wissen nach einem halben Jahrhundert ökologischer Debatte immer noch nicht, wie man eine Klimabilanz erstellt“, schreibt Till Briegleb in einem Grundsatztext in der „Süddeutschen“. Dreißig Jahre nach Gründung der Grünen gebe es in den meisten der 1550 Theaterbetrieben in Deutschland gerade mal „erste zögerliche Schritte in Richtung einer kritischen Selbstüberprüfung.“

Seit 2020 werden diese zögerlichen Schritte von einem Bundesnetzwerk unterstützt, dem „Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien“. Ein Pilotprojekt wurde finanziert, das es Einrichtungen ermöglichen sollte, ihren CO2-Abdruck zu beziffern. Die Ergebnisse liegen seit Mai vor, inklusive Musterplänen für Datenerhebungen und Maßnahmen. Wie nötig solche Handreichungen sind, das zeigt Potsdam. 

Kostüme aus dem Fundus

Während sich die Stadt noch überlegen dürfte, wie damit umzugehen ist, ist erstmal Premiere. Natürlich: Das gesamte „Greta“-Team wurde angehalten, ressourcenschonend zu arbeiten, war vorab zu lesen. „Alle Kostüme sollten aus dem Fundus zusammengestellt, alte Bühnenbildelemente wiederverwendet werden. Außerdem analysieren die Beteiligten ihre Handlungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit.“ Analysieren – das konnten die Stadttheater ja schon immer ganz gut. Aber wer, wenn nicht sie, sollte dann auch konsequent danach handeln?

Die Premiere am 15.1. in der Reithalle ist ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 23.+29.1. Am Sonntag (9.1.) um 11 Uhr gibt es im Glasfoyer Einblicke in die Produktion

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