• Theater in Potsdam: Wie Zucker in Wasser

Theater in Potsdam : Wie Zucker in Wasser

Niklas Ritter bringt André Kubiczeks Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ zur Uraufführung.

Poesie, Politik, Posen. In der Reithalle hat die Adaption von André Kubiczeks Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ Premiere gefeiert – inszeniert von Studierenden der Babelsberger Filmuniversität. Es geht um eine Jugend in der DDR. Erzählt wird von René (Frederik F. Günther), hier mit seiner Flamme (Lilly Menke).
Poesie, Politik, Posen. In der Reithalle hat die Adaption von André Kubiczeks Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ Premiere...Foto: HL Boehme/HOT

„Eine Kugel ohne Boden war die Welt“, heißt es in André Kubiczeks Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ an einer Stelle. Dessen Protagonist und jugendliches Autor-Alter-Ego René, der einen Sommer lang sturmfrei hat, hat da gerade eine Stunde lang umsonst auf seine neue Flamme auf einer Bank am Keplerplatz gewartet. Hat sich im mannhaften Rauchen von West-Zigaretten geübt, dann Rotz und Wasser geheult und seine Auffassung bestätigt gefunden, dass diese Welt ein nicht zu verstehender Ort ist. Eine Kugel ohne Boden.

Es gehört zu den Stärken von Kubiczeks 2016 für den Buchpreis nominierten Roman, dass er seinen Protagonisten, diesen selbstüberhobenen Baudelaire-Lesern, lebenshungrigen Blauer-Würger-Trinkern, diesen letztlich freilich verletzlichen knapp Sechzehnjährigen immer wieder Sätze wie den genannten in den Mund legt. Dass er die doppelt ferne Welt, eine Jugend im Jahr 1985 in der DDR, von innen heraus beschreibt. Unmittelbar, ohne rückblickende Besserwisserei, vor allem aber ohne Sentimentalität. Nicht als Gestern, sondern als ewiges Jetzt.

So versucht das auch die Inszenierung des Regisseurs Niklas Ritter, der „Skizze eines Sommers“ in einer eigenen Adaption am Samstag auf der Bühne der Reithalle zur Uraufführung gebracht hat. Es spielen Studierende der Filmuniversität Babelsberg. Anstatt bei dem Stoff auf den Lokalstolz zu pochen und das Potsdam-Banner rauszuhängen, folgt diese pointierte Bühnenfassung dem Ansatz des Romans: Sie bleibt nah, ganz nah bei den Jugendlichen, die sie beschreibt. Dass die sich im Heider treffen, in der Havelbucht knutschen, in Platten am Stern wohnen, mit der Straßenbahn zwischen dem Platz der Einheit und der Mehrzweckgaststätte Orion hin und her fahren, in der Seerose abhängen – das führt zu Wiedererkennungslachern im Publikum, aber darum geht es dieser Inszenierung nicht.

Worum es geht, zeigt die Bühne (Bernd Schneider): eine Tanzfläche, vorne allerlei Flaschen. Wein, Bier, Club-Cola, Hochprozentiges. Die Welt, eine Tanzbühne. Das Leben, wir befinden uns in den Sommerferien, ein Warten auf die nächste Disco. Dazwischen Haltung-Finden üben: den dekadenten Baudelaire lesen, die Schuhe schwarz lackieren, bisschen Politik diskutieren, Haare stylen. Mit einer Revolte gegen den Staat, der all das verurteilte, hat das schon bei Kubiczek wenig zu tun. In dieser Bühnenfassung geht es darum gar nicht mehr. Die Außenwelt hat hier überhaupt nur kurze Gastauftritte. Entweder diese Außenwelt ist auf Puppenbeinen ins Lachhafte verkleinert oder schaut lebensgroß in Vopo-Uniform vorbei, was nicht weniger lachhaft ist.

Die Welt, die Tanzfläche, gehört hier der Jugend. Und die nimmt nur sich selbst ernst. Allen voran der charismatische René, dessen Vater auf eine Konferenz in die Schweiz gereist ist, und seinem Sohn für den Sommer 1000 DDR-Mark dagelassen hat. Frederik F. Günther spielt diesen René und auch dessen nur durch Kontrollanrufe anwesenden Vater. Er spielt sie virtuos, die beiden trennt nur eine Handbewegung ins Haar, eine ins Geduckte gerutschte Haltung. René ist einer mit dauerspöttischem Lächeln, die Hände in den Taschen, der Inbegriff jugendlicher Selbstüberhebung – wohl so überzeugend, dass er auch mal in kindlicher Zungenküsserei auf die Knie geschickt wird. Nur die gemeinschaftliche Tanzeinlage kurz vor Schluss, die arg beifallheischend in den Beifall überleiten soll, fällt ähnlich unangenehm raus.

Sonst wird die Geschichte kurzweilig heruntergeschnurrt: René verguckt sich in ein Mädchen ohne Namen (Lilly Menke), wird dann aber von „der Arbeiterklasse“ in Gestalt der hübschen Bianca (Sarah Schulze Tenberge) verführt. Mit der älteren Rebekka (Amina Merai) kommt eine Dritte ins Spiel, die aber nicht wie die anderen im Orion tanzt, sondern lieber zu Hause in der elterlichen Künstlervilla am Heiligen See zu „Throbbing Gristle“ bis zum Umfallen headbangt. Zu Renés Möchtegern-Intellektuellen-Gang gehören auch Micha (Dominik Matuschek), der sich mit Dirk (Tom Böttcher) um Rebekka streitet, wenn die beiden nicht gerade Baudelaire-Gedichte abschreiben – bekommen wird sie keiner. Bleibt noch Renés Fast-Bruder Mario (Steven Sowah), der keine Bücher liest und Helmut Kohl für einen Schauspieler hält, dafür aber allen Mädchen den Kopf verdreht. Connie (Clara Mariella Sonntag) heißt die aktuelle Flamme, sie wird ihm den Laufpass geben.

Inszeniert ist all das in 21 kurzen, gut getimten Szenen. Die Szenentitel werden auf einen schwarzen Bühnenhintergrund geschrieben, der eine zersplitterte Glasscheibe zeigt. Das Motiv bleibt Behauptung: Zu Bruch geht hier nichts, dafür ist die gezeigte Jugend-Welt trotz allem zu heil. Dafür aber viel Musik: Queen, Falco, City und, live von Jan Kersjes am Keyboard, Nana Mouskouri. Die Regie lässt die acht Studierenden immer wieder in tänzerische Zuckungen ausbrechen, dann, und eigentlich nur dann, sind sie wirklich beieinander. Fast alle Dialoge sprechen sie nicht miteinander, sondern zu uns, zum Publikum. Was den sicher nicht zufälligen Effekt hat, dass bestimmte Sätze sich dann doch anhören wie ein Kommentar auf das, was da gerade geschieht. „In ein paar Minuten ist alles schon wieder vorbei, wie ein Stück Zucker, dass sich in Wasser aufgelöst hat“, sagt René einmal. „Und nichts kann uns diesen Moment wieder zurück bringen ... Noch nicht einmal der süße Geschmack, wenn wir dran denken.”

Das ist es, was an dieser einen Tick zu gut verdaulich vorbeischnurrenden „Skizze eines Sommers“ über die jugendlichen Verliebtheiten, die Posen der Coolness und Intellektualität hinausweist und hängen bleibt: Wie schnell, unwiederholbar die Zeit, in der das Leben noch skizzenhaft vor einem liegt, vorbeigeht – egal, wo man diese Zeit erlebte. Bei der Verbeugung trat in der Reithalle dann auch der Autor zwischen die jungen Darsteller. 1985 war er 16, heute hat er graues Haar. Die Welt bleibt eine Kugel ohne Boden.

Die nächsten Vorstellungen am 16. und 30. Dezember sowie am 6. und 25. Januar

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