• Theater in Potsdam: Kleist in Potsdam: Kein Draußen

Theater in Potsdam : Kleist in Potsdam: Kein Draußen

Alexander Charim zeigt Kleists Brandenburg-Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ am Hans Otto Theater als so überspannte wie aufwühlende Innenschau.

Traum vor Tapete. Im Potsdamer „Homburg“ sind die Träume des Prinzen reale Personen, keine Scheusale. Sie beobachten den Träumenden wie ein eher seltsames Tier. Anschließend bekräftigen sie den Schlafenden in seinen Träumereien.
Traum vor Tapete. Im Potsdamer „Homburg“ sind die Träume des Prinzen reale Personen, keine Scheusale. Sie beobachten den...Foto: HL Boehme

Potsdam - Fruchtbar ist dieser Garten nicht. Die Bäume, zwischen denen Prinz Homburg schlafwandelnd zu Stückbeginn auf und ab geht und von einem künftigen Sieg träumt, sind kahl. Totgestutzt. Und dieser Garten hat Wände, geblümte Tapetenwände. Die Bäume sprießen wie fehlplatziertes, überdimensioniertes Unkraut mitten in einem höfischen Salon. Das Schloss, das Heinrich von Kleist in der ersten Szene seines „Prinz Friedrich von Homburg“ im Hintergrund sehen wollte, ist in der Inszenierung von Alexander Charim, die am Samstag im Hans Otto Theater Premiere hatte, in den Vordergrund gerückt. Es hat den Garten verschluckt, ist mit ihm verschmolzen. Kein Draußen, keine Außenwelt gibt es hier. Nur ein allumgreifendes Drinnen. Dieser „Homburg“ erzählt nicht von einem, der träumt – er führt in diesen Traum hinein. Eine Farce erst, bald ein Albtraum.

Vor ein paar Jahren zeigte Armin Petras im Berliner Maxim Gorki Theater einen düsteren Homburg mit Glatze, einen brandenburgischen Neonazi auf pechschwarzer Bühne, auf den es dauerregnete. Das schroffe Draußen, das gefühlskalte preußische Erbe machte ihn zu dem, was er war – er konnte nicht anders. Der Potsdamer „Homburg“, der dritte seit 1990, zeigt nun im Grunde das Gegenteil. Bei diesem „Homburg“ scheint das Außen nur als Zerrbild im Kopf des Homburg zu existieren. Nicht die Welt formt ihn, sondern andersherum. So kommt es, dass später Tiere aus Plüsch diese Bühne bevölkern werden, dass Homburg sich in Bindfäden wie in einem Spinnennetz verfangen wird. Bilder einer verängstigten, verwirrten Seelenwelt.

Wie verzerrte Abziehbilder preußischer Mannespracht sehen folgerichtig auch die aus, die sich anfangs durch Tapetentüren dem träumenden Homburg nähern, als Eindringlinge quasi. Die ihn erst beobachten wie ein seltsames Tier und ihn dann bekräftigen in seinen Träumereien. Obrist Kottwitz (Michael Schroth) trägt zum wilhelminischen Schnauzer eine tief in die Stirn gestriegelte Haarsträhne über der Glatze. Graf Hohenzollern (Eddie Irle) hat ebenfalls einen kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart. Alle, auch der Kurfürst Friedrich Wilhelm (Jon-Jaare Koppe), tragen sie Römerlatschen mit dicken Sohlen, die trotz des Anspruchs, sich einzureihen in die heldischen Kriegerreihen der Geschichte, ein bisschen aussehen wie Gesundheitsschuhe.

Nur der Träumende selbst ist auf bloßen Füßen unterwegs, und in kurzen Hosen. Prinz Homburg (Moritz von Treuenfels) trägt das dichterisch gewellte Haar streng gescheitelt. Unter den Möchtegern-Heroen ist er optisch der große Junge. Der Lausbub gewissermaßen. Als solchen lässt ihn die Regie ganz zu Beginn schon diesen bekanntesten, vielleicht schwierigsten Satz aus Kleists Stück sagen, lächelnd, ein halblauter Testlauf: „In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs.“

Auch Natalie (Nina Gummich) ist in dieser ersten Szene mit dabei, die Einzige, die es ernst meint mit dem Träumer. Keine, die sich errötend vor dessen Liebesbekenntnis abwendet, sondern die seine Hand fast schneller greift als er ihre. Aber so schnell dürfen sich die beiden nicht finden. Homburg muss aufwachen, muss in die Schlacht bei Fehrbellin gehen, muss aus soldatischem Übermut die Schweden angreifen, bevor er den Befehl dazu erhält. Muss deswegen vors Kriegsgericht, muss höchst unsoldatisch um Gnade betteln.

So knabenhaft friedlich wie in der ersten Szene wird Homburg nicht wieder werden. Aus seiner Siegerfantasie erwacht er mit einem Schrei. Immer wieder bricht sich in diesem „Homburg“ die Überspanntheit nicht nur Homburgs in Gebrüll Bahn. Ja, dieser „Homburg“ ist so überspannt wie sein Titelheld, wie sein Autor. Die Menschen gehen einander an die Gurgel, rütteln sich – und manchmal zerfließen sie auch aneinander, als suchten sie Halt. „Der literarische Ausdruck des katastrophischen Gefühls ist bei Kleist durchgehend körperlich”, zitiert das Programmheft den Kleist-Preis-Gewinner Wilhelm Genazino. Und Moritz von Treuenfels zeigt mit seinem Homburg eindringlich, was das bedeutet. Er bebt vor Wut, Starrsinn oder Lust – und als ihn der Mut verlässt, als Graf Hohenzollern dem inzwischen Inhaftierten sagt, dass er sterben soll, knickt sein Körper zusammen und Hohenzollern in die Arme. Der hält ihn, einen zärtlichen Moment lang.

Dass in diesem „Homburg“ trotz der Überspanntheit, trotz der äußeren Überzeichnung so viel Zartheit ist, ist ein kleines Wunder und zeugt vom großen Talent der Regie. Es ist der Grund, warum die Inszenierung nicht nur funktioniert, sondern stellenweise tief berührt. Die Regie hört genau auf Kleists Text, auch wenn natürlich gekürzt wurde. Diese Witzfiguren, die Homburgs Traumwelt bevölkern, sind keine Monster, nicht einmal nur obrigkeitshörige Krieger. Homburg träumt sie als Menschen. Bebend, zitternd, fehlbar. Das sind sie auch. In diesem Potsdamer „Homburg“ kostet den Titelhelden das, die Fehlbarkeit, am Ende sein Leben.

Bei Kleist, der sich mit seinem Stück in abgewandelter Form auf eine historische Begebenheit bezog, wird der Prinz schlussendlich begnadigt – ausgerechnet dann, als er endlich bereit ist, gehorsamst zu sterben. So kann es, bei Kleist, auf in neue Kriege gehen, können alle in aus heutiger Sicht zutiefst irritierender Einigkeit auf der Bühne am Ende gemeinsam rufen: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ In Potsdam aber wendet sich der Satz, eingangs als unverfänglicher Testlauf von Homburg im Traum ausprobiert, gegen den Titelhelden. Der Kurfürst selbst richtet in der Inszenierung von Alexander Charim die Waffe gegen Homburg, dem er gerade noch verziehen hatte. Mit seinem schwarzen Hemd, dem zurückgekämmten Haar, sieht der Kurfürst ein bisschen aus wie Joseph Goebbels. Homburgs „Feinde Brandenburgs“ sind hier am Schluss nur noch ein Röcheln.

Die nächste Vorstellung ist am 15. Oktober um 17 Uhr im Hans Otto Theater