• Theater in Potsdam: Hans Otto als Coverboy?

Theater in Potsdam : Hans Otto als Coverboy?

Das Hans Otto Theater will seinen Namensgeber den Potsdamern näher bringen. Doch die Marketingstrategie des Theaters polarisiert.

Astrid Priebs-Tröger
Aufrechte Haltung. Hans Otto, 1933 von den Nazis ermordet. 
Aufrechte Haltung. Hans Otto, 1933 von den Nazis ermordet. Foto: Henschel Verlag Berlin

Potsdam - Jeder in Potsdam kennt seinen Namen. Doch die meisten wissen nicht viel mehr über den Namenspatron des Hans Otto Theaters (HOT), als dass er Schauspieler und Kommunist war und als einer der ersten Künstler von den Nationalsozialisten 1933 ermordet wurde.

Gedenk-Matinee anlässlich des 85. Todestages von Hans Otto

Bettina Jahnke, die neue Intendantin, hat sich bereits vor ihrem Amtsantritt in der Stadt umgehört und danach beschlossen, Hans Otto den alten und auch den neu zugezogenen Potsdamern (wieder) näher zu bringen. Am kommenden Sonntag findet im Foyer des Hans Otto Theaters, das seit 1952 seinen Namen trägt, eine Gedenk-Matinee anlässlich des 85. Todestages von Hans Otto statt.

Die HOT-Werbekampagne für die gerade begonnene Spielzeit stellt den linken Schauspieler ostentativ in den Mittelpunkt. „Die vielen Seiten des Hans Otto“ steht markant auf dem großformatigen rot-weißen Spielzeitheft, was jedoch nicht nur auf Otto als Person, sondern auch klar auf das Theater bezogen ist. 

Die Rückseite des aktuellen Spielzeitplans.
Die Rückseite des aktuellen Spielzeitplans.Foto: C. Fratzke

Auf der Rückseite haben sich flotte Werbetexter einen Text ausgedacht, der die vielen Facetten des Schauspielers – beziehungsweise von Theater allgemein – in betont lockerem Tonfall auf den Punkt bringen soll. Und der vielleicht doch eine Spur zu salopp oder gar respektlos ist?

Das Heft zur Spielzeit 2018/2019 des Hans Otto Theaters polarisiert.
Das Heft zur Spielzeit 2018/2019 des Hans Otto Theaters polarisiert.Foto: C. Fratzke

"Unwürdig, wie neues Theaterteam Werbung mit dem Namen eines ermordeten Kommunisten macht"

Denn nicht jeder ist davon angetan, was professionelles Marketing mit dem ermordeten Künstler zu Werbezwecken anstellt. Susanne K. Fienhold Sheen, die in Potsdam Stadtführerin und Moderatorin ist und während der Intendanz von Ralf Günter-Krolkiewicz Mitglied im Kuratorium des Hans Otto Theaters war, schreibt Ende Mai nach Erscheinen des markanten Spielzeitheftes auf ihrem Twitter-Account: „Ich finde es unwürdig, in welcher Weise das neue Theaterteam Werbung mit dem Namen eines ermordeten Kommunisten macht, unter anderem so: ,Das gibt noch ein Riesen-Theater mit Hans Otto’.“ „Ist das mit ,Haltung’ gemeint?“, fragt Fienhold Sheen weiter.

Im Gespräch sagt sie jetzt, dass sie noch immer zu ihrer Aussage stehe, jedoch das Wort „Haltung“ in ihrem Post gern mit „Anstand“ ersetzen würde. Und sie wiederholt, dass man diese Marketingstrategie hätte bleiben lassen sollen. Mit dieser, ihrer Meinung wolle sie jedoch nicht polarisieren und auch keinen Shitstorm auslösen, so Fienhold Sheen. Intendantin Jahnke, mit dem Vorwurf konfrontiert, sagt, „dass man heutzutage laut sein muss, um überhaupt gehört zu werden“. Und sie will die Marketingstrategie auch nur als einen Teil ihrer Auseinandersetzung mit Hans Otto verstanden wissen.

Das Theater will Hans Otto mehr ins Bewusstsein der Stadt holen

In erster Linie gehe es ihr und dem Theater darum, den Schauspieler und Kommunisten verstärkt ins öffentliche Bewusstsein der Stadt zu holen. Das soll auf verschiedenen Wegen geschehen: Zum einen durch gemeinsame Veranstaltungen mit dem Hans Otto Verein Berlin, der sich um die Pflege des Vermächtnisses Hans Ottos kümmert. Die Gedenk-Matinee zum Todestag am kommenden Sonntag und die sich um 13.30 Uhr anschließende öffentliche Mitgliederversammlung seien ein erster Schritt. Weitere werden folgen, so die Intendantin, die auch dafür gesorgt hat, dass neben der Hans-Otto-Büste im Foyer des Theaters ein wesentlich größerer biografischer Text als vorher zu lesen ist. „Doch die Werbekampagne sei sicherlich die provokanteste und öffentlich sichtbarste Form“, so Jahnke. „Aber um gesehen und gehört zu werden, brauche es unter anderem auch die lauten Töne.“ Haltung ist das Motto ihrer ersten Spielzeit. Eine solche zeigt auch Carola Gerbert, die die Matinee zum Todestag dramaturgisch betreut hat. Sie schildert, dass sie fast immer, wenn sie den historischen Friedhof in Stahnsdorf besucht, auch am Grab Hans Ottos innehält. Gerbert fragt sich, warum Otto in vollem Bewusstsein darum, dass sein Leben in Nazideutschland in Gefahr war, nicht ins Exil ging. Sein Tod hat dadurch für sie etwas Märtyrerhaftes, sein Kampf gegen die Nazis zeige aber auch sein unbedingtes Festhalten an Mitmenschlichkeit und Solidarität in politisch dunklen Zeiten.

Matinee würdigt Hans Ottos Haltung

Die Matinee, die den Titel „Nein, ich bleibe!“ trägt, will Hans Ottos geistige Haltung, die Mahnung und Verpflichtung zugleich ist, auch in die Gegenwart übersetzen. Es gehe darum, „verfolgte Künstler unserer Zeit zu würdigen, quasi die Hans Ottos von heute“, so Gerbert. Die Matinee fragt: Welche Menschen, Aktivisten, Künstler sind es heute, die in ihren Heimatländern trotz Lebensgefahr mit entschiedener Haltung für ihre politischen Überzeugungen eintreten? Welchen Repressionen sind sie ausgesetzt? Sie will eine Spurensuche in der Gegenwart unternehmen und Hans Ottos symbolischen „Enkel“ kennenlernen. Vorgetragen werden Gedichte und Essays von Dichtern aus China, Tunesien, der Türkei und Syrien. Mitwirkende sind die Schauspieler Franziska Melzer, Jörg Dathe, Jonas Götzinger und Jan Hallmann.

Die Gedenk-Matinee findet am Sonntag, 25. November, 11 Uhr im Foyer des Großen Hauses statt. Der Eintritt ist frei.