• #theater im Spartacus in Potsdam: Ausstieg aus dem Hamsterrad

#theater im Spartacus in Potsdam : Ausstieg aus dem Hamsterrad

Das Uniater gibt mit dem Stück „#theater“ sozialen Netzwerken eine Bühne

Theresa Dagge

Wie funktioniert Social Media? Wie kommunizieren wir in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Instagram? Und wie beeinflussen soziale Medien unsere Identität? Diese Fragen stellte das Theaterprojekt Uniater am Freitag bei der Premiere seines Stücks „#theater“ im Jugendclub Spartacus in Potsdam.

Uniater – das ist für Spielleiterin Sina Schmidt „ein bunter Haufen aus Studenten der Hochschulen in Potsdam und auch professionellen Schauspielern mit Bock auf Theater“. Nach „Grimm?!“ und „Spam“ ist „#theater“ – das in Teilen unter dem Titel „#netzwerke“ bereits im Theater Zukunft in Berlin zu sehen war – die dritte Produktion des 2012 gegründeten Ensembles.

„Schwarzlicht, Barockmusik, fluoreszierende Darsteller und Requisiten“, kündigt die Programmvorschau an. Als wäre das nicht schon ungewöhnlich genug, wird das vor dem Spartacus wartende Publikum von personifizierter Apple-Software in den Saal geführt. „Hallo. Mein Name ist Siri. Ich bin Ihre persönliche Spielassistenz. Ich bin da, wenn Sie mich brauchen“, grüßt ein Darsteller in blechernem Tonfall und führt die Zuschauer durch einen Transittunnel von der Realität hinüber in den virtuellen Netzraum.

Die bunkerähnlichen Räumlichkeiten des Spartacus dienen als geeignete Kulisse für die Abgründe des World Wide Web, die das Ensemble anderthalb Stunden lang karikiert. Gekleidet in schwarze Morphsuits – hauteng anliegenden Einteilern –, mit in Neonfarben gefärbten Augenbrauen und angemalten Lippen, schlüpfen die Darsteller in verschiedene Rollen und inszenieren in fieberhaft aufeinanderfolgenden Sequenzen Nutzer-Phänomene aus den Sozialen Netzwerken Facebook, Instagram, Twitter, Youtube und der Dating-App Tinder. Sie sind Plattformen für den virtuellen Austausch von Informationen, Bildern, Videos und Meinungen und gehören für viele ganz selbstverständlich zum Alltag.

Wie sehr sie diesen Alltag und vor allem auch die Identität der Nutzer bestimmen, verdeutlicht gleich die erste Episode des Stücks, in der eine körperlose Stimme von ihrem Lebenswandel auf Reisen berichtet. „Ich will aus dem System Hamsterrad aussteigen“, verkündet sie der Facebook-Community, dem Zuschauerraum, während Bilder von brechenden Wellen, karibischen Palmen und glühenden Sonnenuntergängen über in der Dunkelheit schwebende Displays wabern. Sie wolle den Obligationen der Leistungsgesellschaft entfliehen und zwar mithilfe ihres von Crowdfunding und Business Angels finanzierten Reiseblogs. Mit diesen ironischen Pointen zeigt „#theater“, dass der heutige User weit davon entfernt ist, seine Sehnsucht nach Freiheit zu verwirklichen. Stattdessen verwickelt er sich im Netz der von den sozialen Medien betriebenen Selbstoptimierung: Er läuft im Hamsterrad 2.0. Sei gesund, sei fit, sei erfolgreich und kontaktfreudig, hab eine Meinung zu allem und teile diese auch allen mit, sind die impliziten Regeln dieser Internetgemeinschaft, in der man permanent verfügbar sein muss und die eigene Identität wie ein Produkt vermarktet.

Statt diese Entwicklungen mit dem bleiernen moralischen Zeigefinger anzutippen, inszeniert „#theater“ einen wilden Zirkus der digitalen Netzkultur und nimmt dabei sowohl pseudopolitische Internetaktivisten als auch selbsternannte Lifestyle-Experten aufs Korn, wie etwa den Youtube-Star Samy, der in seinem neuesten Video seine „Lieblings-DM-Drogerie-Produkte“ vorstellt. „Ich will so fresh wie möglich aussehen in meinem teilweise stressigen Alltag“, teilt er dem lachenden Publikum mit. Die Zuschauer lachen, weil sie sich selbst in der häufig überspitzen Darstellung wiedererkennen. Viele haben wohl schon mal „Gefällt mir“ gedrückt beim Anblick einer Katze im Astronautenanzug oder das eigene Abendessen abfotografiert, um es mit Freunden zu teilen.

Die übertriebene Situationskomik wirkt. Sie unterhält und ist durchaus gewollt. „Das Stück haben die Mitglieder des Uniater im Kollektiv konzipiert“, sagt Spielleiterin Schmidt. Bei der Recherche sei bald aufgefallen, dass der Text an sich keine zentrale Rolle spielen dürfe. „Wir wollen über das Medium selbst erzählen und die Frage stellen: Wie funktioniert Social Media eigentlich?“ „#theater“ interessiert sich für das Wie der Kommunikation und lässt diese oft ins Leere laufen. Da sieht man Fakten vor lauter Meinungen nicht und kann zwischen Sinn und Unsinn nicht mehr unterscheiden. Dennoch hinterlässt „#theater“ nicht den Eindruck, als wolle es Facebook und Co. leichthin verteufeln. Lediglich die politische Schlagkraft der Netzwerke stellt das Stück deutlich in Zweifel. Theresa Dagge