• Theater auf dem RAW-Gelände: Eine Prise Fleur de Sel und andere Kostbarkeiten

Theater auf dem RAW-Gelände : Eine Prise Fleur de Sel und andere Kostbarkeiten

1870 saß Fontane als Kriegsgefangener auf der französischen Insel Oléron fest. Die Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ begibt sich auf seine Spuren.

Auch HOT-Gastschauspielerin Bo-Phyllis Strube hat sich für das Stück "Souvenir 1870" auf Oléron  mit Salzbauern getroffen.
Auch HOT-Gastschauspielerin Bo-Phyllis Strube hat sich für das Stück "Souvenir 1870" auf Oléron  mit Salzbauern getroffen.Foto: Helena Davenport

Damit Salzkristalle entstehen, muss das Meerwasser verdampfen, Wind und Hitze sind hierfür nötig. Man leitet das Meerwasser in ein Kanalsystem, es wird gestaut, und von dort aus, wo der Wasserstand am niedrigsten ist, kann es dann geerntet werden: das kostbare Fleur de Sel. „Das ist sehr harte Arbeit, man braucht starke Bauchmuskeln, um an die Kristalle heranzukommen“, sagt Katja Stoppa, Dramaturgin bei der Theatergruppe „Das letzte Kleinod“. Mit ihrem jüngsten Stück „Souvenir 1870“ möchte die Gruppe Theodor Fontanes Erinnerungen an seine Kriegsgefangenschaft auf der französischen Insel Oléron, bekannt für Salz und Austern, in einen heutigen Kontext setzen.

Fontane schrieb seine Ängste nieder

Der deutsche Schriftsteller war wegen seiner guten Französischkenntnisse – er hatte hugenottische Wurzeln – fälschlicherweise der Spionage verdächtigt worden und durchlebte eine Zeit der Angst, die er in seiner Schrift „Kriegsgefangen: Erlebtes 1870“ dokumentierte. Vom Fort Boyard aus blickte er auf die Weiten des Atlantiks, hörte den Sturm tosen und die Wellen brechen. Und er beobachtete die Salzfischer – das hat „Das letzte Kleinod“ in sein Stück mit aufgenommen. Bo-Phyllis Strube, Gast-Schauspielerin am Hans Otto Theater, und nun an der Kleinod-Produktion beteiligt, gab Mittwoch eine Kostprobe. Gerade war das Stück in Cottbus zu sehen, nachdem es in Senftenberg Premiere feierte. Am 25. und 26. August wird es dann in Potsdam aufgeführt, auf dem RAW-Gelände. Die Bühne bildet ein auf den Gleisen stehender zweistöckiger Kfz-Transportwagen – damit sie für die Besucher sichtbar wird, muss noch ein Loch in den Zaun geschnitten werden.


Seit der Gründung des fahrenden Theaters 1991 sind es besondere Geschichten aus dem realen Leben, die Regisseur Jens-Erwin Siemssen zu Bühnenstoffen verwebt. Auch im vergangenen Jahr kam das im niedersächsischen Geestenseth beheimatete Theater mit seinem Zug nach Potsdam. Im Zentrum standen da die Exiljahre Wilhelm II. In diesem Jahr setzt sich die Gruppe im Rahmen der 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereins Landesverband Ost also mit Fontanes Erlebnissen und gleichzeitig mit dem deutsch-französischen Verhältnis ausein ander. Hierfür hat sich die Gruppe neu gemischt: Von der Neuen Bühne Senftenberg, dem Theater der Altmark Stendal, dem Staatstheater Cottbus sind jeweils ein oder zwei Schauspieler dazugekommen. Sie alle wohnen in Dreier- oder Vierer-WGs in den elf historischen Waggons. Bo-Phyllis Strube, die vergangenes Jahr in „Ronja Räubertochter“ zu sehen war, vertritt quasi Potsdam.

Französische Lieder geben die Atmosphäre wieder

Sie spreche eigentlich gar kein Französisch, sagt Strube. In der Schule habe sie das Fach recht schnell abgewählt. Umso erstaunlicher ist es, dass sie in „Souvenir 1870“ immer mal wieder ein paar Fetzen zum Besten gibt, sogar ganze Lieder auf Französisch singt. Die Musik sei wichtig, um die Atmosphäre zu transportieren, sagt Dramaturgin Katja Stoppa. Authentizität liegt den Theatermachern besonders am Herzen. Für die Recherchen war das ganze Team gemeinsam auf Oléron. 13 Interviewpartner fand es dort, deren Geschichten der Regisseur mit den Beobachtungen Fontanes kombiniert hat. „Seine Beschreibungen waren ziemlich genau“, sagt Stoppa, sodass sie Vieles genauso vorfanden, wie sie es aus seinen Aufzeichnungen kannten. Erste Werkstattaufführungen fanden im Juli direkt vor Ort in der Zitadelle von Le Château-d'Oléron statt – vor den Menschen, die zu dem Stoff inspirierten.

Strube kann lebendig von den Erlebnissen der Gruppe erzählen, etwa von dem Treffen mit dem Vater und seinem Sohn, die gemeinsam einen Biobauernhof für Salz und Austern betreiben, oder von den zwei Schulfreunden, die auf dem Hof arbeiten. Bei letzterer Zusammenkunft sei irgendwann ein Dritter dazugekommen, der plötzlich angefangen habe, laut zu singen. Im Stück ist es nun sie, die als Salzbauer Lieder singt.
Am 25. und 26. August, je um 20 Uhr, RAW-Gelände, Friedrich-Engel-Straße