• Tanzfestival für Kinder an der fabrik: Einmal Erdwurm sein

Tanzfestival für Kinder an der fabrik : Einmal Erdwurm sein

Seit 2018 will das Projekt „Explore Dance“ Kindern Tanz näherbringen. Neben München und Hamburg ist auch Potsdam dabei. An der fabrik zeigt ein Festival, wie beglückend das sein kann.

Mehr als Audiowalk. "Ohren sehen" von Lea Moro feiert in Potsdam Premiere.
Mehr als Audiowalk. "Ohren sehen" von Lea Moro feiert in Potsdam Premiere.Foto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Die Autorin dieser Zeilen war kürzlich ein Erdwurm. Grub sich mit anderen Erdwürmern durch lockere Holzspäne, dann pflanzte sie einen Samen in die Erde. Wässerte ihn, setzte ein Stöckchen als Markierung. Sie war auch eine Wasserschlange, ringelte sich mit geschlossenen Augen durch das Gelände. Geriet als Wolke in einen Wirbelsturm. Zuletzt wippte sie tanzenden Fußes ins Ziel – als Flechte.

Ein Projekt zwischen Potsdam, München, Hamburg - und künftig auch Dresden

„Ohren sehen“ heißt das Stück, das das möglich macht. Ein Stück von Lea Moro für Kinder ab acht. Am Sonntag feiert es in der fabrik Premiere. Der Auftakt eines Festivals, das sich denen verschrieben hat, die im Tanz sonst oft zu kurz kommen: jungem Publikum. Seit 2018 ist die fabrik Teil einer überregionalen Initiative von freien Theatern, um die vernachlässigte Sparte zu beleben. „Explore Dance“ hieß das von Bund, Land und Stadt geförderte Projekt. Ebenfalls mit dabei: der am Produktionshaus Kampnagel angesiedelte „K3 Tanzplan Hamburg“ und der Verein Focus Tanz in München.

Potsdam, Hamburg und München erhielten 2018 insgesamt 1,3 Millionen Euro. Die vorgesehene Dauer: drei Jahre. Die sind nun vorbei – aber „Explore Dance“ geht in die Verlängerung. Für 2022 und 2023 erhält die fabrik rund 450 000 Euro durch Bund, Land und Kommune. Und auch ein neuer Kooperationspartner ist künftig mit im Boot: das Festspielhaus Hellerau in Dresden.

Corona schlug auch hier eine Bresche

Ein Festival sollte jedes Jahr die Arbeiten an einem Ort bündeln – das war die ursprüngliche Idee. Die Realität sah anders aus. 2019 fand ein erstes Festival in Hamburg statt – dann kam Corona und würfelte alles durcheinander. Im vierten Jahr findet also das dritte Festival statt. Diesmal Potsdam. Sieben Tage, vier „PopUps“, drei Uraufführungen. Eine davon „Ohren sehen“.

Corona hat auch in „Explore Dance“ eine Bresche geschlagen. Kontakte, die sich vor der Pandemie angebahnt hatten, konnten nicht weiterverfolgt werden, brachen ab. Der enge Austausch mit Schulen vor Ort war eine der wichtigsten Voraussetzungen, um die Idee von „Explore Dance“ umzusetzen: Tanz denen näher zu bringen, die sonst nicht auf die Idee kämen, ihn sich anzusehen.

Das Ziel: Tanz sehen lernen

Vor der Pandemie beteiligt waren die Gerhart-Hauptmann-Grundschule, die Neue Grundschule, die Grundschule am Pappelhain und die Freie Schule. Der Fokus in der Zusammenarbeit mit Schulen ist zweigeteilt: einerseits sollen Kinder mit Tanzaufführungen in Berührung kommen, tanzen „sehen“ lernen. Andererseits sollen sie inhaltlich auch involviert werden: eigene Themen, eigene Interessen einbringen. Das Ziel: dass die Kinder sich im Bühnengeschehen wiederfinden. 

Was nicht heißen muss, dass hier auch Kinder auf der Bühne stehen, wie Jeanne Chapy und Johanna Simon betonen. Die beiden koordinieren seit 2018 die Aktivitäten von „Explore Dance“ an der fabrik. Im Moment sind sie dabei, das vor der Pandemie mühsam zusammengestrickte Netzwerk wieder aufzubauen. Künstlerisch werden künftig Renae Shadler und Yotam Peled dabei sein – nach Schulen suchen die beiden noch. 

Über Sehnsüchte und Ängste reden ohne viel zu reden

Nur eine Potsdamer Institution war seit 2018 regelmäßig an Explore Dance beteiligt: die Freie Schule Potsdam. Dort gab es mehrere Workshops und auch drei PopUps – künstlerische Interventionen, die kleiner und flexibler sind als ganze Stücke. Diese Form bewährte sich in der Pandemie, als Theaterbesuche schwierig waren und die Schulen begannen, das zwei Milliarden-Bundesprogramm „Aufholen nach Corona“ abzuschöpfen: Plötzlich war „Explore Dance“ gefragt. Aktuell beteiligt sind neben der Freien Schule die Grundschulen am Jungfernsee und am Bornstedter Feld sowie das Schulzentrum am Stern.

Über Tanz kann man nicht nur den eigenen Körper wieder- oder neuentdecken, betonen Chapy und Simon. Es lässt sich auch über Einsamkeit, Sehnsüchte oder Ängste reden – ohne dass man zu viel reden muss. Kinder verstehen das oft sehr schnell, sagen sie. „Oft schneller als die Großen.“ Was „Explore Dance“ von den Workshops der fabrik oder der Oxymoron Dance Company oder auch von der Tanzschule von Marita Erxleben unterscheidet: Hier sollen Kinder vor allem das Zusehen üben – und das Mitreden. In zweiter Linie erst das Mitmachen auf der Bühne.

"Ohren sehen" zeigt, wie sich eine Stadt anfühlt - erst in der fabrik, dann auf dem Gelände davor.
"Ohren sehen" zeigt, wie sich eine Stadt anfühlt - erst in der fabrik, dann auf dem Gelände davor.Foto: Ottmar Winter PNN

Mehr als ein Audiowalk

So richtig trennen aber lässt sich das am Ende nicht, und das ist ein Glück. „Ohren sehen“ macht dieses Glück greifbar. Auf dem Papier ist es ein Audiowalk zum Thema „Lebensraum Stadt“. Wie fühlt sie sich an, wie sollte sie sein? Im Erleben aber bedeutet das: eine viel zu kurze Stunde lang die Stadt sehen, wie man sie noch nie sah. Mit Händen, Ohren, Füßen. Und mittendrin dieses wabernde, wandelbare Ding: Ich. 

„Explore Dance“, 20. bis 26.3. in der fabrik Potsdam. „Ohren sehen“, am 20.3. um 16 Uhr sowie, für Schulen, 21.3. um 10.30 Uhr und 22.3. um 10 Uhr. Das vollständige Programm finden Sie hier.

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