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Kultur : Tanz im Wasser, zu Lande und in der Luft

„Made in Potsdam“ zeigt am Wochenende unterschiedlichste choreografische Handschriften

Astrid Priebs-Tröger
Werkschau Tanz. „Made in Potsdam“ derzeit in der „fabrik“.
Werkschau Tanz. „Made in Potsdam“ derzeit in der „fabrik“.Foto: Hofste

Im Club der „fabrik“, dort, wo nach den Aufführungen sonst getanzt oder diskutiert wird, war am Donnerstagabend zur Eröffnung von „Made in Potsdam“, dem viertägigen Festival für Tanz und Performance in der Schiffbauergasse, ein Kinosaal eingerichtet worden. Die Vorführung von „Choreografische Bilder im Feld“ begann wunderbar ironisch mit einem „Taucherballett“. Es folgten Einstellungen, die gigantische Tagebauanlagen oder die bezaubernde Seenlandschaft Brandenburgs einfingen. Doch es ist kein „Heimatfilm“, den die Choreografin Paula E. Paul und Regisseur Sirko Knüpfer im vergangenen Sommer gemeinsam realisierten. Sie animierten Jugendliche, Harley-Davidson-Biker, Chorsänger, Amateurschauspieler und Taucher, sich an ungewöhnlichen Orten im Wasser, zu Lande und in der Luft zu bewegen.

Es ist überraschend anzusehen, wie aus alltäglichen Bewegungsabläufen – zum Beispiel dem Warten an einer Bushaltestelle – Choreografien werden, die dann mit einem „Ballett der Windräder“ oder der Harleys filmisch in Beziehung gesetzt werden. Wohltuend bei diesem Film sind die Langsamkeit und die feine Ironie, mit der sowohl die großen politischen als auch die kleinen menschlichen Fragen nie vordergründig in Szene gesetzt werden. Und man kann gespannt sein, wie sich das Projekt weiterentwickelt, das von jetzt einer Leinwand auf vier Projektionsflächen übertragen werden soll, hin zu einer Installation, die sowohl im Radialsystem in Berlin als auch auf den kommenden Potsdamer Tanztagen zu sehen sein wird.

Nach dieser Eröffnung absolut „Made in Brandenburg“ ging es international weiter, denn an diesem Wochenende zeigen sieben Teilnehmer des vorjährigen „Artist-in-Residence-Programms“ die Resultate ihrer Arbeit in der „fabrik“. Shang-Chi Sun aus Taiwan faszinierte in seinem gerade mal 16-minütigem Solo „Traverse“ mit seiner intensiv-geschmeidigen, von asiatischen Bewegungstechniken inspirierten Körperarbeit, die in beinahe schmerzhaftem Kontrast zu der Minimal Music – einem stakkatohaften Pulsieren – von Ryoji Ikeda stand. Und als diese modern-industrial-Klänge verebbten, war man zunächst erleichtert, aber wenig später genauso überrascht, wie sehr diese klopfend-bohrenden Geräusche die Choreografie des elegant-kraftvollen Tänzers eigentlich konstituiert hatten. Wenigstens für kurze Zeit fühlten sich seine Bewegungen seltsam verloren im Raum an.

Auf eine völlig andere Art der Selbstbefragung wurde man im sich anschließenden zweiten Solostück des Eröffnungsabends mitgenommen. Der Potsdamer Tänzer Timo Draheim zeigte sein auf dem Gelände der Schiffbauergasse schon oft präsentiertes choreografisches Theater „Under Pressure“. Gemeinsam mit dem Schauspieler Jörg Schiebe erarbeitete er diese Tanz-Text-Collage, die die Sozialisation junger Menschen ebenfalls ironisch betrachtet. Draheim sieht Heranwachsende mit unzähligen Ge- und Verboten der Erwachsenenwelt konfrontiert. Vorschriften müssen beachtet, Kulturtechniken sollen erlernt werden. Das hinterlässt nicht nur in der Seele, sondern auch im Körper Spuren. Gesten der Anpassung und des Aufbegehrens wechseln einander ab und die zweite Geburt, heraus aus der Fruchtblase Elternhaus, wurde so richtig schweißtreibend.

Danach folgte eine sehr lange Umbaupause für den zeitlich längsten und technisch aufwendigsten Teil des Abends. Jefta van Dinther präsentierte die Deutschlandpremiere seiner Performance „Grind“, einer gewaltigen Licht-Klang-Bewegungsexplosion auf der großen Bühne. Doch bevor diese mit ihrer Intensität verstören oder berühren konnte, bewiesen Tänzerinnen des Jugendtanzprojektes von Odile Seitz im Café der „fabrik“, mitten unter den Besuchern, wie wenig es braucht, unsere Herzen, die eigene Zerbrechlichkeit und Kraft sprechen zu lassen. Astrid Priebs-Tröger

Am Wochenende sind die Deutschlandpremieren von Gunilla Heilborn „This is not a love story“ und „United States“ von Elpida Orfanidou und Hermann Heisig zu sehen. Weitere Informationen zum Programm unter www.fabrikpotsdam.de

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