Kultur : Tanz die Taschensymphonie

Anja Kozik choreografiert die „Pocket Symphonies“ nach Musik von Sven Helbig

Astrid Priebs-Tröger

Die Spätsommerruhe, die über der Schiffbauergasse liegt, täuscht. Aus dem Studio 1 der fabrik dringen dynamische Klavierklänge, klatschende Sprunggeräusche und kurze Kommandos. Die Choreografin Anja Kozik arbeitet seit drei Wochen gemeinsam mit Luana Rossetti, Raha Nejad und Alessandro Di Sazio an ihrer neuen Inszenierung „Pocket Symphonies“, die Mitte September in der Waschhausarena zur Premiere kommt – anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Oxymoron Dance Companie, die in immer wechselnden Besetzungen jedes Jahr mehrere genreübergreifende Tanzstücke produziert.

Für mehr als 15 von ihnen zeichnet Anja Kozik verantwortlich. Mit Luana Rossetti und Raha Nejad hat sie im Dezember vergangenen Jahres bereits in „Temporare“ gearbeitet, einem Stück, das ebenfalls zur Musik von Sven Helbig, von dem die jetzt namensgebenden „Pocket Symphonies“ stammen, choreografiert wurde.

Anja Kozik hatte den ostdeutschen Komponisten Helbig, für den Grenzen zwischen E- und U-Musik nicht existieren, vor anderthalb Jahren bei den Tanztagen in Eisenhüttenstadt kennengelernt und jetzt die Gelegenheit ergriffen – eine Förderung durch das Brandenburger Kulturministerium macht dies möglich –, seine „Taschensinfonien“, die weniger mit dem klassischen Genre als mit modernen Songs und Filmmusiken zu tun haben, abendfüllend tanzen zu lassen. Und wer Anja Kozik kennt, weiß, dass es in ihren Choreografien immer um helle und um dunkle Gefühle geht.

„Urban Perfume“ heißt eines der insgesamt zwölf kurzen, assoziativen Stücke der „Pocket Symphonies“, und die drei Tänzer, die während der Probe alle Pferdeschwänze tragen, drehen sich immer wieder um die eigene Achse und umkreisen einander dynamisch. Sie sind jung, sie bewegen sich kraftvoll und expressiv im energetisch dichten, urbanen Strom der Helbigschen Musik. Wenig später bilden Luana Rossetti und Alessandro Di Sazio ein Paar.

Doch die Beziehungsdynamik, die sich zwischen den beiden entwickelt, ist nicht leicht und schwebend, sondern dramatisch und fast schon gewalttätig. Sie halten sich und stoßen sich weg, sind in einem Moment zärtlich und beinahe gleichzeitig brutal zueinander. Wie gehen wir (grundsätzlich) miteinander um, ist auch in „Pocket Symphonies“ eine der Fragen, die Anja Kozik immer wieder umtreibt. „Man ist mit Gewalt vertraut“, sagt Alessandro Di Sazio, und erschrickt im selben Moment über diese Feststellung.

Ihren in den 1980er-Jahren geborenen Protagonisten bescheinigt Anja Kozik eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Themen und damit einen sehr lebendigen Probenprozess. Während sie mit den beiden Frauen bereits gearbeitet hat, ist Alessandro Di Sazio der Neuling im Team. Der gebürtige Italiener ist ausgebildeter Tänzer und verbindet seine Liebe zum Breakdance mit der zum Neuen Zirkus.

Ihm ist es auch zu verdanken, dass in „Pocket Symphonies“ ein fünf Meter hoher chinesischer Mast im Zentrum der acht Mal acht Meter großen Tanzfläche steht, den er behände und scheinbar mühelos erklimmt. Di Sazio erzählt auch, dass ihm seine Kolleginnen darin nicht nachstehen wollten, und er ihnen beigebracht hat, wie man nach oben kommt. Vorher schleift er ihnen dafür die Sportschuhe eigenhändig mit einer Schleifmaschine an.

Während des Probenbesuches ist deutlich zu spüren, wie sehr die drei zusammengewachsen sind und sich in ihren Stilen und Körpersprachen wunderbar ergänzen. Von den beiden Tänzerinnen kommt eine vom Urban Dance, die andere vertritt den Modern Dance. Die hautnahe Berührung mit dem Neuen Zirkus erleben beide, wie auch Anja Kozik, zum ersten Mal. Ein Novum der gerade entstehenden Inszenierung ist auch, dass Kozik zum ersten Mal mit der Kammerakademie Potsdam zusammenarbeiten wird. Eine zwölfköpfige Streicherbesetzung und ein Pianist werden die „Pocket Symphonies“ gemeinsam live mit ihrem Urheber interpretieren. Sven Helbig hat dafür die Sinfonien für Streichorchester und Klavier neu arrangiert und wird mit „Live Electronics“ selbst auf der Bühne im Waschhaus stehen. Der Künstler wurde 1968 in Eisenhüttenstadt geboren. Als Schlagzeuger groovte er auf beiden Seiten des Atlantiks. 2003 produzierte er „Mein Herz brennt“ nach Songideen von Rammstein, ein Jahr später führte er mit den Pet Shop Boys „Battleship Potemkin“ auf und 2009 nahm er als Produzent mit dem Fauré Quartett deren Album „Popsongs“ auf.

Schon während des Probengesprächs ist zu spüren, dass es in diesem Team auch immer wieder um hochaktuelle Fragen geht angesichts dessen, was gerade in Europa passiert. Wie kann man die Dynamik der Gegenwart als Kraftquell oder Chance sehen und nutzen? Für Kozik, die eine Generation älter als ihre Tänzer ist, geht das mit gemeinsamen energetischen Momenten. Diese wiederum erlauben, aus der eigenen Komfortzone zu kommen und immer wieder an Grenzen zu gehen. Astrid Priebs-Tröger

Die Premiere findet am 15. September um 20 Uhr im Waschhaus statt. Weitere Vorstellungen am 16. und 17. September

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