• Tag des offenen Denkmals: Die Wiederauferstehung der Villa Carlshagen

Tag des offenen Denkmals : Die Wiederauferstehung der Villa Carlshagen

Am 12. September öffnen 30 Denkmale in Potsdam ihren Türen. Mit dabei: Die Villa Carlshagen am Luftschiffhafen. Früher eine Ruine - heute sanierter Sitz einer Privatschule.

Die Villa Carlshagen am Templiner See.
Die Villa Carlshagen am Templiner See.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - „Sein und Schein“, so lautet das Motto des Tags des offenen Denkmals in diesem Jahr – und wenn er am Sonntag in der Villa Carlshagen eröffnet wird, kann man diese Zweiseitigkeit trefflich begutachten. Außen herrscht hier anonymer Schick, drinnen Studentenleben. Draußen historische Fassade, drinnen lernen Mediziner:innen der Zukunft. Seit 2020 ist hier die HMU Medical School Potsdam untergebracht. Eine Privatschule, geführt von Ilona Renken-Olthoff.

Zum Pressetermin steht deren Sohn Sebastian Renken-Olthoff stellvertretend vor der Gartentreppe des Anwesens und schwärmt davon, wie positiv sich ein ästhetisches Umfeld auf die Studierenden auswirke. Die Lage am Templiner See, das mit Liebe für das historische Detail sanierte Innere, „das macht was mit den jungen Menschen.“ 

Bonität und Bafög

Man wolle eine Romantik schaffen, „die man sonst eher aus Film- und Fernsehen kennt“, sagt Renken-Olthoff, Leitender Mitarbeiter der Hochschulleitung. Er betont, dass hier Studierende aller Schichten zu finden seien, welche „mit Bonität“, aber auch welche mit Bafög. Eine Hochschule, sagt er und schlägt damit die Brücke zum kommenden Sonntag, „ist für uns ein Ort der offenen Tür.“

Die HMU von innen.
Die HMU von innen.Foto: Hans-Jürgen Krackher

Das heute so schmucke Gebäude hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der älteste Teil, eine Turmvilla, wurde 1870 von dem Berliner Spediteur Moreau Ballette erbaut. Ursprünglich war das Gelände 65.000 Quadratmeter groß. Um 1900 wurde die Villa von Carl Levy erworben – ein jüdischer Banker, der sich später Carl Hagen nannte. Er ließ den Bau in den Jahren 1909/10 ergänzen: Der Architekt Friedrich Wilhelm Göhre schuf ein dreizehnachsiges Gebäude, Neobarock.

Bis 1990 war die Villa eine Kinderklinik

Hagen starb 1938, seine Familie emigrierte und musste die Villa an die Stadt Potsdam verkaufen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war hier eine Kinderklinik für Radiologie untergebracht, eine Station des Bezirkskrankenhauses Potsdam. Ein Großteil des ursprünglichen Parks fiel dem angrenzenden Sportplatz zu und wurde zu DDR-Zeiten überbaut. 1989 gingen Gelände und Villa wieder zurück an die Erbengemeinschaft Hagen, 1990 zog die Kinderklinik aus. Seit 1995 war die Anlage als Denkmal gelistet – und verfiel. In das Gemäuer zog der Schwamm. Die Fliesen wurden aus den Bädern herausgebrochen. Ein Brand in den 1990er-Jahren zerstörte Teile des Daches völlig.

Der Zustand der Villa Carlshagen vor Beginn der Innensanierung 2017.
Der Zustand der Villa Carlshagen vor Beginn der Innensanierung 2017.Foto: Pro Potsdam

„Was irgendwie zu klauen war, wurde damals geklaut“, sagt Claudia Täubert von der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Potsdam. 2007 kaufte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Pro Potsdam das inzwischen nur noch 10000 Quadratmeter große Grundstück von der Erbengemeinschaft. Ein Notdach wurde installiert, die Außenwände gesichert – doch die Stadt war von der Sanierung finanziell überfordert. Von drei Millionen Euro allein für die Sanierung war die Rede, plus einer weiteren Million für die Wiederherstellung der Außenanlagen.

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Auch die IHK verhob sich finanziell

2012 kaufte die Industrie- und Handelskammer Potsdam das mittlerweile stark desolate Gebäude. Ab 2013 wurde der Schwammbefall angegangen, das Dach erneuert. Aber auch die IHK hatte sich überhoben. 2014 verhängte sie einen Baustopp, drei Millionen Euro waren bereits in die Sanierung geflossen, man ächzte unter der Aussicht auf drei weitere Millionen. 2017 verkaufte die IHK. Immerhin war das Gebäudeäußere jetzt saniert. Die neue Käuferin, die „Villa Carlshagen Grundstücks GmbH“ unter Geschäftsführerin Ilona Renken-Olthoff, nahm das Innere in Angriff.

Bilder aus der Zeit vor 2017 zeigen: Hier musste ein Gebäude neu erfunden werden. Der Gartensaal ist heute majestätischer Aufenthaltsraum für Studierende mit Sitzkissen und, theoretisch, funktionstüchtigem Kamin. Als die Architektin Ulrike Reccius ihre Arbeit aufnahm, waren von Wänden und Böden nur Ziegel übrig.

Nur die Sonne an der Decke glänzt noch nicht

Heute ist an der Decke wieder Stuck, der Boden eine exquisite Anfertigung aus aufgespachteltem Kalk – Holzböden wären über den Fußbodenheizungen zu hoch gewesen. Alles strahlt hier, nur die Sonne im Stuck an der Decke, die glänzt noch nicht wieder golden. Die Wände sind komplett aus Holz – eine „Theaterkulisse“, wie Architektin Reccius sagt. Die ovale Form des Raumes wird über diese Holzwände vorgetäuscht, so wie früher. Auch die Treppe wurde originalgetreu wieder eingebaut. Dass von unten der Beton sichtbar ist, ist Absicht. Hier soll nicht so getan werden, als habe das Haus eine bruchlose Geschichte hinter sich.

Was in der Villa Carlshagen gelungen ist, steht an anderen Orten, die am 12. September besichtigt werden können, noch aus. Die Villa Satzkorn zum Beispiel, erstmals mit dabei, steht ganz am Anfang ihrer baulichen Neuentdeckung. „Die galt als fast schon verloren“, sagt Denkmalschützerin Täubert. 

Das dortige Rittergut hat seine Ursprünge im 15. Jahrhundert, unter dem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert liegt ein spätmittelalterlicher Keller. Von 1991 bis 2019 stand das Gutshaus leer und verfiel. Seit 2004 steht es unter Denkmalschutz, die neuen Eigentümer Liudmila Flach und Michael Hoppe wollen das Ensemble unter dem Label „Gutshaus 2.0“ wieder zum Leben erwecken. „Wir hoffen auf ein gutes Ende“, sagt Denkmalschützerin Täubert. Wie so ein Ende aussehen kann, zeigt die Villa Carlshagen – der Hauptsitz der HMU jedoch soll vom Potsdamer Prachtbau nach Erfurt verlegt werden.

Das Programm

Der 28. Tag des offenen Denkmals in Potsdam findet am Sonntag von 10 bis 19 Uhr statt. Insgesamt 30 Denkmale sind zu besuchen. Die Villa Carlshagen, Olympischer Weg 1, öffnet 10 bis 15 Uhr ihre Türen. Das Gutshaus Satzkorn, Dorfstraße 8, geöffnet 10 bis 18 Uhr, lockt mit Konzerten, Kaffee, Kuchen und Gegrilltem. Auch in der 1912 erbauten Villa Feodora, Am Schulplatz 7, gibt es von 13 bis 19 Uhr Kaffee, Kuchen und Grillgut. 

Im Garten Karl Foersters, Am Raubfang 7, offen von 9 bis 21 Uhr, werden historisch-botanische Führungen angeboten. Der von Lenné angelegte Park der Villa Jacobs, Bertiniweg 2, geöffnet 11 bis 18 Uhr, lädt zu einem ganztägigen Winzerfest. Im Großen Refraktor, Telegrafenberg A 27, kann von 10 bis 18 Uhr das viertgrößte Linsenteleskop der Welt aus dem 19. Jahrhundert besichtigt werden. Das komplette Programm findet sich online unter www.potsdam.de/event/tag-des-offenen-denkmals.

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