Kultur : Szenen aus der Wirklichkeit

Der Dokumentarfilmer und Fotograf Siegfried Gebser wird heute 70 Jahre alt

Erhart Hohenstein

„Der Fischadler“, mit unvergesslichen Naturaufnahmen, oder „Die Urbans“, ein einfühlsames Porträt zweier Zehdenicker Entomologen, die noch im neunten Lebenjahrzehnt nachts zur Schmetterlingsbeobachtung in den Wald zogen, zählen zu den bleibenden Leistungen des Potsdamer Dokumentarfilmers und Fotografen Siegfried Gebser.

Die Lehrfilmreihe „Zucker“ gilt nach wie vor als Vorbild für die verständliche Vermittlung komplizierter biologischer und technologischer Prozesse. „Bis weit über das Jahr 2000“ zeichnet sie ein Bild des umstrittenen Braunkohleabbaus und seiner Zukunft.

In Siegfried Gebsers Arbeitszimmer hängen Aufnahmen, die mit Fachwerkhäusern bebaute idyllische Gassen seines Geburtsortes Halberstadt zeigen. Nur noch Erinnerung, denn was der Bombenangriff vom 8. April 1945, den Siegfried Gebser als Kind miterlebte, übrig ließ, fiel zu DDR-Zeiten der Abrissbirne zum Opfer.

So vielfältig, ja manchmal turbulent wie seine Arbeit, verlief auch das Leben des nunmehr 70-Jährigen. Der am 21. April 1936 in der Nordharzstadt Geborene wollte nach dem Abitur zur See. Doch aus der Offiziersschule der Volksmarine wurde er ausgestoßen, als er die mit dem Anschluss der DDR an den Warschauer Pakt vollzogene Unterstellung unter die Baltische Flotte der Sowjetunion ablehnte.

Für Gebers blieb eine Bahnschlosserlehre, die er mit Bravour absolvierte. Schon als Lehrling fuhr er auf dem D-Zug Berlin – Potsdam – Magdeburg – Halberstadt als Lokheizer, was seine schmale Kasse aufbesserte. Mit der dafür notwendigen Sondererlaubnis fotografierte Gebser auf diesen Fahrten die Arbeitswelt der Reichsbahn. Die Aufnahmen waren so beeindruckend, dass er zur Filmhochschule nach Babelsberg zugelassen wurde. Doch nach gut einem Jahr war das Studium für ihn schon wieder vorbei – er weigerte sich, Pionierfotozirkel anzuleiten und wurde zeitweilig exmatrikuliert. 1960 wird Siegfried Gebser Schlosserbrigadier in der LPG „Rotes Banner“ Trinwillershagen. Dort macht er angerostete Rübenvollerntemaschinen wieder flott und verbessert sie technisch. Dadurch marschiert die Vorzeige-LPG in der Erntekampagne stets vorne weg. Über die Brigade erscheinen in der Ostzee-Zeitung Fotos und Berichte.

Nach dieser erfolgreichen Zwischenstation kehrt Siegfried Gebser 1962 an die Filmhochschule zurück und schließt 1964 die Ausbildung zum Kameramann ab. Er wird zum Armeefilmstudio in Berlin-Biesdorf vermittelt, doch antreten darf er die Stelle nicht. Sein acht Jahre zurückliegender Ausschluss aus der Volksmarine fällt ihm auf die Füße. Unerschrocken macht sich „Siggi“, wie ihn seine Freunde nennen, selbstständig und verdient, da er was kann, als Freifberufler gutes Geld. Als Regiekameramann dreht er zahlreiche Filme. Ihm gelingt sogar der Kauf einer alten Babelsberger Villa, in die er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern einzieht. Dennoch ist er nicht böse, als er 1981 endlich eine Festanstellung im DEFA-Dokumentarfilmstudio erhält. Ebenfalls nur für einige Jahre, denn nach der „Wende“ gehen im Studio die Lichter aus. Siegfried Gebser lernt die Arbeitslosigkeit kennen.

In einem Kurs eignet er sich moderne elektronische Methoden der Filmproduktion an. Durch zwei äußerst präzise recherchierte, auf einer Fülle von Interviews aufbauende Filme über das Infanterie-Regiment 9 (IR 9) tritt er wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

Im Jahre 1992 wird er Mitbegründer des Fördervereins „Freunde des Bornstedter Friedhofs“ und leitet ihn bis 1999. Zu dem Friedhof hat er nicht nur wegen dessen geschichtlicher Bedeutung eine enge innere Verbindung – hier ruht auch seine 1983 früh verstorbene damalige Ehefrau.

Auch im Pensionsalter denkt Siegfried Gebser über neue Projekte nach. Angeregt durch einen Freund aus Berlin, der die Vorgänge des 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze präzise wie nie zuvor recherchiert hat, arbeitet er am Exposé für einen Film, der neue Sichten auf das Hitler-Attentat ermöglichen würde. Erhart Hohenstein