Kultur : Subtil, aber nachhaltig

O Vertigo begeisterte mit seiner choreografischen Collage „Les Petites Formes“ in der fabrik

Astrid Priebs-Tröger
Surreales Eigenleben. Ein faszinierend komplexes und dabei äußerst sensibles Wechselspiel von Musik und Tanz präsentierten die Tänzer von O Vertigo.
Surreales Eigenleben. Ein faszinierend komplexes und dabei äußerst sensibles Wechselspiel von Musik und Tanz präsentierten die...Foto: Promo

Die 80 Minuten der Vorstellung vergingen wie im Fluge. Ähnlich intensiv muss es sich anfühlen, wenn man sein Leben über vierzig Jahre dem Tanz widmet und dann zurückschaut. Das hat die kanadische Choreografin Ginette Laurin im vergangenen Jahr getan und mit ihrer choreografischen Collage „Les Petites Formes“, die Ausschnitte aus fünf Stücken aus der Zeit von 1994 bis 2007 in einem Abend vereint, gastierte die weltweit gefeierte Choreografin mit ihrer Compagnie O Vertigo am Freitag- und Samstagabend in der Potsdamer fabrik.

In Potsdam ist sie keine Unbekannte, überzeugte sie bereits vor zwei Jahren in der Reihe „Meisterchoreografen“ mit ihrer „Schockwelle“ („Onde de Chock“), die das Rauschen des Blutes und das Schlagen des menschlichen Herzens sicht- und fühlbar machte und als ästhetische Überwältigung in Erinnerung blieb. Die Erwartungen waren also hoch und sie sind auch an diesem fünfteiligen Abend nicht enttäuscht worden. Begonnen wurde mit „Luna“ von 2001 und zu der anfangs stakkatohaften Minimal Music bewegten sich die fünf Frauen und fünf Männer ebenso schnell und technisch wie die manchmal enervierenden Töne.

Die zügigen und dabei sehr präzisen Bewegungsabfolgen und die ungemein einfühlsame Interpretation der Minimal Music beispielsweise von Steve Reich, einem Pionier dieser Gattung, sind Markenzeichen von Ginette Laurin, die sich in spannungsvollen Variationen auch an diesem Abend einprägten. Denn obwohl man die von ihr zitierten Inszenierungen nicht kannte und folglich von den gezeigten Teilen aufs Ganze schließen musste, kristallisierte sich aus den fünf kurzen Formen ein starker Extrakt heraus. Der ist allerdings, ähnlich wie beim Zappen durch unzählige Programme, in Einzelheiten gar nicht leicht wiederzugeben. „Luna“ begann also mit flüchtigen Sequenzen von Einzelnen und Paaren bzw. Vierergruppen auf der leeren Bühne, und so plötzlich wie die Tänzer auftauchten, verschwanden sie auch wieder im Dunkel.

Umso überraschender, als dann nach sich immer wieder überlagernden und verzerrenden Tönen Gambenmusik von Carl Friedrich Abel, eines berühmten deutschen Gambensolisten des 18. Jahrhunderts, erklang und acht überdimensionale fahrbare Lupen auf die Bühne gebracht wurden. Die sich davor bewegenden Tänzer traten in eine poetisch-philosophische Betrachtung des Kosmos ein und man konnte dabei ihre Gesichter in vielen Einzelheiten durch die Riesenlupen betrachten. Vom Mond ging es danach sehr handfest mit vorwärtstreibender Percussion auf die Erde zurück und die beiden männlichen Tänzer, die anfangs in „La Vie Qui Bat“, einem Stück, das Ginette Laurin 1999 für zwanzig Tänzer entwickelte, im Duett tanzten, werden wohl lange in Erinnerung bleiben. Im Gegensatz zu der atemlosen Percussion tanzten sie ein grandioses Pas des Deux fast wie in Zeitlupe, das durch die große Achtsamkeit füreinander bestach.

Ihre wunderbare Einheit wurde indes auch bald ge- bzw. zerstört, zuerst musikalisch und dann, als auch andere Tänzer sie als Paar auseinanderbrachten und das „schlagende Leben“ für die Zuschauer beinahe bis zur emotionalen Erschöpfung praktiziert wurde. Im sich nahtlos anschließenden „Déluge“, der fast 20 Jahre alten Kostprobe aus der gleichnamigen Choreografie, prägte eine klagend gesungene Melodie die jetzt fließenden Bewegungen eines Paares in langen weißen und transparenten Gewändern, bei der sich in dramatischer Beleuchtung endzeithafte Assoziationen einstellten.

Und während der erste Teil des Abends in seinen atemberaubenden Kontrasten einen sowohl einsog als auch anstrengte, kam nach einer winzigen Umbaupause auch der Humor nicht zu kurz. Wie im Traum erschienen nach- und nebeneinander eine märchenhafte Gestalt auf Pferdebeinen, ein besternter Mann und ein vollkommen nackter weiblicher Engel. Dazwischen ging ein gellend pfeifender mit einem Zaubermantel bekleideter Mann fluchend auf und ab und eine Frau beklagte sich über ihre zu kleinen Schuhe. Und als wäre es der Skurrilität noch nicht genug, erzählten vier Personen an einem viel zu niedrigen Mikrophon Geschichten, die sich bei den versuchten Wiederholungen miteinander vermischten und nach und nach ein surreales Eigenleben entwickelten.

Dieser Eindruck blieb, als auch die letzte Sequenz des Abends begann und sich vollendete, dass sich aus den Teilen der zitierten Choreografien ein ganz eigenständiges, wiederum ästhetisch überwältigendes Werk emulgiert hatte. Dazu trugen zuerst die athletischen und sehr präsenten Tänzer von O Vertigo bei, die bestechend sind in ihrer technischen Perfektion und der Interpretation unterschiedlichster Gefühlslagen, die sich subtil, aber nachhaltig auf den Zuschauer auswirken. Und nicht zu vergessen die auch immer wieder stark kontrastierende Tonspur, zu der auch Komponisten wie David Cunnigham und Jocelyn Pook, die für Stanley Kubrick bei „Eyes Wide Shut“ gearbeitet hat, beigetragen haben.

Dieses faszinierend komplexe und dabei äußerst sensible Wechselspiel von Musik und Tanz zeigt sich bis heute in den Aufführungen der fast drei Jahrzehnte bestehenden Compagnie und ihrer produktiven Chefin Ginette Laurin, die sich mit den „Kleinen Formen“ bereits zu Lebzeiten ein Denkmal setzt.

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