Kultur : Stadtgeschichte(n) in Bildern

Die Ausstellung „Stadt-Bild / Kunst-Raum“ zeigt auf beeindruckende Weise, wie reich, vielfältig, individuell und aussagekräftig die Kunst in der DDR war

Dirk Becker
Wolfgang Liebert. Paar im Belvedere, 1986–1987 (Ausschnitt).Alle Bilder anzeigen
Foto: Michael Lüder
05.09.2014 21:55Wolfgang Liebert. Paar im Belvedere, 1986–1987 (Ausschnitt).

Schon der Titel lässt viel Raum, weil in ihm die drei fatalen Buchstaben fehlen. Mit „Entwürfe der Stadt in Werken von Potsdamer und Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstlern (1949-1990)“ ist die Ausstellung „Stadt-Bild / Kunst-Raum“ unterschrieben, die ab morgigen Sonntag im Potsdam Museum zu sehen ist. Auf das Wort DDR haben die Kuratoren um Museumsdirektorin Jutta Götzmann, bewusst oder unbewusst, verzichtet. Denn wenn die Worte DDR und Kunst aufeinandertreffen, wirkt das fast immer noch wie ein rigoroser Stempel, wie ein Korsett aus Befangenheit, Klischees, Voreingenommenheit und Pauschalurteilen. Allein schon im Wort DDR-Kunst schwingt etwas abwertend Offizielles, etwas von 2.-Klasse-Rubrik mit. Und wie zuletzt die Aufregung um die Ausstellung „60 Jahre – 60 Werke – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland“ vor fünf Jahren im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigte, wird die Kunst aus der Zeit der DDR immer noch gern in die Ecke der Bedeutungs- und Harmlosigkeit geschoben. Die Ausstellung im Potsdam Museum zeigt nun auf beeindruckende Weise, was für eine Vielfalt und Individualität, Eigenwilligkeit und Aussagekraft in der Kunst aus der DDR zu entdecken ist.

Auf zwei Etagen sind mehr als 120 ausgewählte Gemälde und Grafiken von fast 60 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Barbara und Karl Raetsch, Joachim Böttcher, Christian Heinze, Curt Querner und Johannes Heisig, Ulla Walter, Frank Gottsmann und Wolfgang Mattheuer, Walter Womacka und Peter Rohn zu sehen. Die Idee zu dieser Ausstellung, die vom Potsdam Museum in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) umgesetzt wurde, entstand bei der Sichtung der Sammlung „Galerie Sozialistische Kunst“, die rund 6 200 Werke, darunter 1 200 Gemälde und Skulpturen und etwa 5 000 Grafiken, umfasst. Zweieinhalb Jahre habe die Umsetzung gedauert, sagte Jutta Götzmann am Freitag im Rahmen einer Vorbesichtigung. Und schon früh habe sich gezeigt, welch ein Potenzial in dieser Sammlung ruhe. So hatte die 1976 vom damaligen Rat des Bezirkes Potsdam gegründete „Galerie Sozialistische Kunst“ und dem Bezirksmuseum Potsdam als selbstständiger Teilbereich angegliederte „Galerie Sozialistische Kunst“ immer wieder Künstler damit beauftragt, sich mit dem Thema Stadt und dem Leben darin auseinanderzusetzen.

Für den Historiker Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor am ZZF, offenbart sich in der Sammlung ein vielfältiger und fast immer kritischer Blick auf das Stadtbild. Die um zahlreiche Leihgaben ergänzte Ausstellung kann nun auch als ein künstlerischer Kommentar verstanden werden zu den mittlerweile oft verbissen geführten Debatten um die historische Rekonstruktion der Innenstadt und welche Rolle dabei Architektur aus der Zeit der DDR überhaupt noch spielen darf.

Wer sich von diesen Debatten löst und es beim ersten Rundgang durch die Ausstellung wie der Titel „Entwürfe der Stadt in Werken von Potsdamer und Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstlern (1949-1990)“ selbst hält, also das Wort DDR und den damit zwangsläufig verbundenen beschränkten Blick für eine gewisse Zeit aus seinem Kopf streicht, den werden die Bilder überwältigen und bedrücken, verwundern und amüsieren. Da wird man vielleicht vor der großformatigen „Potsdamer Stadtlandschaft“ von Werner Gottsmann stehen und viel Ironie in dieser Utopie, in dieser Verklärung eines städtischen Schönheitsideals entdecken. Wird vielleicht amüsiert den Kopf schütteln über den übertriebenen Regenbogen und das Paarklischee auf dem Motorrad. Und wird sich vielleicht fragen, was es mit diesem alten, etwas dunklen Auto auf sich hat, das die Stadt Richtung Betrachter verlässt. Wer jedoch mit seiner DDR-Kunst-Brille vor diesem Bild steht, das ein Auftragswerk der Bezirksverwaltung war, wird sich überhaupt nicht wundern, weil hier alles perfekt ins vorgefertigte Bild passt: gemalte DDR-Propaganda vom schönen, der Zukunft zugewandten Leben in der DDR halt, wohl gemalt von einem rückgratlosen Künstler.

Das ist vielleicht neben der vortrefflichen Bildauswahl das Herausragende an dieser Ausstellung:  wie sehr diese Bilder, wenn der Betrachter einen unvoreingenommenen Blick versucht, doch überraschen und begeistern können. Und wenn man sich dann den Zeitbezug, also die DDR wieder bewusst macht, wie stark die neuen Erkenntnisse mit den vorgefertigten Meinungen kollidieren.

Da ist der „Asphaltierer“, den der Potsdamer Karl Raetsch 1979 malte. Raetsch greift hier die von der Obrigkeit gewünschte Auseinandersetzung mit den Werktätigen des selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaates auf. Aber auf eine ganz eigenwillige, kritische und fast schon apokalyptische Weise. Sein „Asphaltierer“ in einem raumlosen, dunklen Höllenloch hat nichts Heroisches. Wie ein Schattenwesen, umgeben von tödlichen Dämpfen, wühlt hier einer in Hoffnungslosigkeit. Man staunt über so viel Mut und Konsequenz und vor allem Weitsicht und ist sich sicher, dass dieses Bild, dieser so treffende Abgesang auf die DDR, nie das Atelier von Raetsch verlassen hat. Bis man erfährt, dass dieses Bild von der „Galerie Sozialistische Kunst“ gekauft wurde.

Nicht topografisch nach Stadteilen, sondern thematisch nach „Konstruktionsorten“, „Parallelwelten“, „Repressionsorten“ und „Sehnsuchtsorten“, „Urbanität“, Rückzugsorten“, „Freiräumen“ und „Experimentierflächen“ ist die Ausstellung gegliedert. Dabei geht es nicht allein um Potsdamer, sondern auch um Berliner Stadtansichten. Denn beide waren Grenzstädte, waren dem radikalen Städteneubaukonzept in der DDR ausgeliefert und beeinflussten sich künstlerisch. Über 120 Bilder zeigt so die Ausstellung „Stadt-Bild / Kunst-Raum“. Und so anspielungs-, assoziations- und bilderreich dieser Titel ist, so lässt sich auch diese Ausstellung erleben. Im wahrsten Sinne des Wortes ein augenöffnendes Erlebnis ist das, was hier zu sehen ist.

„Stadt-Bild / Kunst-Raum“ ist ab morgigen Sonntag bis zum 11. Januar im Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, zu sehen. Der Ausstellungskatalog kostet 17 Euro, der Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro

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