Kultur : Stadt im Fluss

Der Bildhauer Stefan Pietryga zeigt mit der Schau „Kosmose“ im Rechenzentrum, dass Städte lebendige Gebilde sind – und thematisiert die Veränderungen Potsdams

Richard Rabensaat
Im Bau. In „Kosmose“ versammelt Stefan Pietryga künstlerische Positionen rund um städtische Veränderungen – hier ein Offsetdruck von Hilla und Bernd Becher von 1971.
Im Bau. In „Kosmose“ versammelt Stefan Pietryga künstlerische Positionen rund um städtische Veränderungen – hier ein Offsetdruck...Foto: Manfred Thomas

Es ist offensichtlich: Potsdam verändert sich. Architekturen verschwinden, neue kommen hinzu. Städte sind jedoch immer lebendige Gebilde, sagt der Bildhauer Stefan Pietryga. Sie kennen naturgemäß keinen Stillstand und befinden sich in ständigem Wandel. Pietryga hat mit seinen Skulpturen vielfach international die Stadt, ihre Entwicklungen und ihre Geschichte kommentiert. Auch die von ihm organisierte Ausstellung im Rechenzentrum, die noch bis Sonntag zu sehen ist, thematisiert die Struktur der Stadt. Pietryga zeigt hier Werke aus Privatsammlungen, auch aus seiner eigenen.

„Kosmose“ heißt die Schau. Was laut Pietryga den Versuch von Künstlern beschreibt, mit ihrer Kunst die Stadt zu durchdringen. Pietryga arbeitet selbst im Rechenzentrum und wollte daher nicht noch eigene Werke zeigen. „Kommentare von Künstlern, die ich schätze, sind hier viel spannender“, sagt der Künstler. Zustande gekommen ist so eine kleine, aber sehr feine Ausstellung, die das Spektrum sozialer und baulicher Veränderungen einer Stadt abbildet und zu einem kurzen Gang durch die Geschichte von Bildhauerei und Skulptur einlädt.

Schon seit seiner Studienzeit in den 1970er-Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf sammelte Pietryga Werke von seinen Kollegen und anderen. Werke, die damals wenig Aufsehen erregten, stammen von Künstlern, die heute international gefragt oder schon in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Wie beispielsweise die Fotos von Bernd und Hilla Becher. Von ihnen zeigt Pietryga den Offsetdruck dreier Strommasten und Fabrikanlagen. „Die haben damals erst studiert und dann unterrichtet. Die Bechers haben für uns Bildhauer unsere Arbeiten fotografiert“, so Pietryga.

Auch Ulrich Rückriem, von dem sich eine kleine Skulptur in der Ausstellung findet, hat mit seinen Arbeiten international Aufsehen erregt. Zu sehen ist das Gipsmodell für eine Skulptur von Rückriem, ein kleiner viereckiger Block mit Einkerbungen und einigen kleinen Löchern. „Woraus ist die Stadt gebaut?“, fragt Pietryga. Seine Antwort: „Aus Stein, Glas, Metall. Die ursprünglichen Elemente der Architektur der Stadt sind hier zu sehen.“ Aber es geht nicht nur um Bauelemente und Materialien. Mit einem Formstein vom Rechenzentrum und einem Wabenelement der Fachhochschule thematisiert Pietryga die Baugeschichte und Erscheinungsbilder dieser Gebäude. Karl-Heinz Adler gestaltete das Fassadenteil der FH und schuf damit ein Element, dessen kantige Formsprache klare konstruktivistische Momente aufweist und in seiner Schlichtheit schnörkellos schön wirkt. Mit dem von ihm entwickelten Betonformsteinsystem und seinen geometrischen Farb- und Raumkonstruktionen hat Adler, der an der TU Dresden unterrichtete, das Erscheinungsbild der DDR maßgeblich mit geprägt.

Wie sich das Erscheinungsbild der Stadt durch einen minimalen Eingriff verändern kann, zeigt das Foto einer Projektion von Blinky Palermo. Aus dem Atelierfenster von Gerhard Richter fotografierte Palermo einen blau- und rotfarbigen Block, den er auf die Fassade des gegenüberliegenden Hauses projizierte. Durch den simplen Eingriff erscheint der Innenhof völlig verfremdet, die alltägliche Erscheinung des Hauses wird plötzlich wieder interessant und das Interesse am Haus als Wohn- und Lebensstätte seiner Bewohner geweckt.

In ganz anderer Weise fügt sich der farbige Druck von Peter Halley in die Ausstellung. Die rechteckigen und quadratischen Formen erinnern an Leitungen, Röhren und Kabel, an Straßen, an die Dinge, die der Infrastruktur der Stadt zum Leben verhelfen. Mit einem auf den ersten Blick nicht sonderlich aufregenden Farbklang schafft der Künstler auf subtile Weise einen Raum, der völlig ungegenständlich ist und dennoch den Betrachter in seinen Bann zieht. Bar jeder Narration oder Perspektive gelingt es Halley, eine verblüffende Vielschichtigkeit und Tiefe zu erzeugen. So erscheint die Stadt als abstraktes Gebilde, dessen vielfältige Bezüge sich erst in Ruhe und Kontemplation erschließen. Richard Rabensaat

„Kosmose“, bis Sonntag im Rechenzentrum, zweite Etage, Raum 257. Geöffnet Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 12 bis 18 Uhr

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