• „Stadt der Zukunft: Land in Sicht“: Rotzflecke auf barocker Architektur

„Stadt der Zukunft: Land in Sicht“ : Rotzflecke auf barocker Architektur

Wie in der Reithalle auf tucholsky’sche Weise mit dem Ideal vom städtischen Landleben gespielt wurde.

Land in Sicht? Bundesstiftung Baukultur und Hans Otto Theater diskutierten über die „Stadt der Zukunft“.
Land in Sicht? Bundesstiftung Baukultur und Hans Otto Theater diskutierten über die „Stadt der Zukunft“.Foto: Stefan Gloede

Kurt Tucholsky, der urbane Experte für Träume und das Platzen derselben, wusste schon 1927, wie die Dinge stehen. „Ja, das möchste“, heißt es in seinem Gedicht „Das Ideal: ,Vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße’.“ Wäre das nicht herrlich, so ein unmittelbares Nebeneinander von Land und Stadt, die Vorteile der beiden Lebensweisen nur ein paar Schritte auseinander? Ja, das wäre es. Aber, auch das wusste Tucholsky schon: „Immer fehlt dir irgendein Stück.“ Wie es nun mal so ist hienieden. Soll heißen: In der Realität ist es bekanntlich so, dass man wählen muss. Entweder man wohnt auf dem Land, hat Platz und Grün. Oder man wohnt in der Stadt, hat wenig Platz und noch weniger Grün und dafür die Friedrichstraße, oder auch die Brandenburger, um die Ecke.

Um dieses Dilemma sollte es am Freitagabend in der Reithalle gehen. „Stadt der Zukunft: Land in Sicht“ war die gemeinsam von der Bundesstiftung für Baukultur und dem Hans Otto Theater kuratierte Veranstaltung übertitelt. Wie es zu diesem Schulterschluss kam: Im Rahmen des Konvents für Baukultur 2016 hatte die Stiftung vom 3. bis 5. November Bauexperten aus dem ganzen Land nach Potsdam geladen, die tagsüber diskutieren und an einem „Kulturabend“ zusätzlich künstlerisch versorgt werden sollten. Rein räumlich gesehen ist die 2006 gegründete Stiftung mit ihrem Büro in der Schiffbauergasse ja bereits Nachbar des Theaters. Für das Theater ein willkommener Anlass: Zweimal monatlich will es sich in dieser Saison ohnehin auf die Suche nach der „Stadt der Zukunft“ machen. Da gehört die Frage nach dem architektonischen Antlitz der Stadt natürlich dazu. Der Freitagabend war nun der fünfte Anlauf.

Ernste, zukunftsweisende Dinge verhandeln, ohne zeigefingernd oder nur bierernst zu sein: Das will die neue Reihe „Stadt der Zukunft“. Womit deutlich wird, dass Tucholsky tatsächlich ein ganz guter Schirmherr wäre – und die filmische Installation von Paula E. Paul und Sirko Knüpfer hier richtig ist. Auf insgesamt vier Leinwänden lief zunächst deren 2011 entstandener Film „Choreographische Bilder im Feld“, in Dauerschleife. In langsamem Rhythmus inszenierte Gruppenbilder sind hier zu sehen. Kinder, die durch einen leeren Tagebau spazieren, von betagteren Chordamen und Herren, die sich in einer Bushaltestelle zusammendrängen. Harley-Davidson-Biker und sommerliche Maisfelder. Taucher in einem Havelgewässer, Windräder und barock kostümierte Tänzer, die im wadenhohen Wasser Schreittänze ausführen. Zwischendrin schippert der Ketziner Dampfer „Harmonie“ durchs Bild, geradezu titelgebend: Tatsächlich ist dieses Film-Brandenburg so schön, wie es das Land in Wirklichkeit höchstens momentweise ist. Aber als absurd melancholisches Sommermärchen funktioniert es. Und als Gegenpol zum Mecker-Image, das den Brandenburgern sonst gern angehängt wird, ist das schon wieder begrüßenswert.

Anschließend wurde gelesen (realisiert durch die Ensemble-Schauspieler Eddy Irle, Frédéric Bossier und Larissa Aimée Breidbach), wobei es zum Glück weniger harmonieselig zuging, sich aber auch ein gewisses Déjà-vu einstellte. „Die Stadt der Zukunft ist digital und vernetzt“, „Ich hasse Berlin“, „Macht doch was ihr wollt, aber bitte macht was“ – diese Stichworte waren auch in der Textcollage bei der Eröffnung der Reihe im Oktober schon zu hören gewesen. Neu hingegen genau beobachtete Passagen zum Pendler-Leid, Edmond de Goncourts Bonmot „Es gibt Törichteres als den Tod: das Leben eines Platzes in einer Provinzstadt“ – und eine bemerkenswerte Tirade aus mikrofonisch verstärkten Rotzgeräuschen von Eddie Irle. Bemerkenswert auch die vorgebrachte Idee, den Zuzug in die ohnehin überfüllten Großstädte durch Negativwerbung abzumindern, etwa indem man das Musikantenstadl nach Berlin-Friedrichshain verlagert. Zur Abschreckung.

Bemerkenswert ging es weiter. Die Sache mit den Rotzgeräuschen kam im folgenden Podiumsgespräch nochmal zur Sprache. In einem als „Baukultur Quartett“ angekündigten Austausch führte Reiner Nagel, der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur, höchstselbst durch eine gute Stunde erstaunlich guter, soll heißen: lebensnaher Baukulturunterhaltung. Auf Nagels Podium saßen die Journalistin Sabine Reeh, die beim Bayrischen Rundfunk eine preisgekrönte Sendung namens „Traumhäuser“ ins Leben gerufen hat, sowie der Architekt Roland Gruber, Gründer eines Vereins zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen in Österreich. Aus Potsdam war die Künstlerin Annette Paul dabei. Sie ist die, die den Neubau des Potsdamer Stadtschlosses mit dem Schriftzug „Ceci n’est pas un chateau“ (Das hier ist kein Schloss) versehen hat und im Mai die Ausstellung „Ist das Stadt oder kann das weg?“ gegen den Abriss von DDR-Architektur in der Potsdamer Mitte mitorganisierte.

Nach ihrer Version der Stadt der Zukunft befragt, sagte Paul, dass diese gar nicht so anders aussehe als das heutige Potsdam – nur um eine Kultur des Miteinanders, des Austauschs ergänzt. Nagels süffisante Bemerkung, der Spruch auf dem Stadtschloss sei gewissermaßen der Rotzfleck auf der barocken Architektur, lächelte sie gut gelaunt beiseite. Wer am Freitag in der Reithalle saß, konnte den Eindruck haben, darüber sei diese Stadt sich einig. So schön das wäre: Die Realität sieht anders aus – und dem Theater wäre es zu wünschen, dass in der Arena, die es für die Brennpunkte Potsdams geöffnet hat, diese Brennpunkte auch diskutiert werden. Nur hätte man dafür im fast vollständig von Besuchern des Baukonvents besuchten Saal ein paar mehr Potsdamer gebraucht. 

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