Kultur : Spieltrieb

Amüsante Performancenacht in der „fabrik“

Astrid Priebs-TrögerD

Spielen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das konnte man am Wochenende in der „fabrik“ an sieben Spielorten und mehr als fünf Stunden lang bei ganz unterschiedlichen Lang- und Kurzzeitperformances auch am eigenen Leib erfahren. Durch die riesige Glasfront des Kunstraumes fielen dem Besucher als erstes zwei Männer ins Auge. Splitterfasernackt, nur mit Springerstiefeln und weißen Arbeitshandschuhen ausgestattet, stapelten die walisischen Performancekünstler John Rowley und Richard Huw Morgan schwarze Boxen über-, neben- oder hintereinander.

Sisyphusgleich übten sie dieses „Spiel“ mehrere Stunden lang aus. Als Betrachter wusste man nicht, welche Kraft sie dabei antrieb und ob es Lust, Zwang oder Kampf war, dieses zu tun. Denn trotz sichtbarer Erschöpfung konnten sie nicht davon lassen. Aber man konnte auch nicht bis zum Ende dieser dreistündigen Aktion warten, um deren Gesamtverlauf zu analysieren, sondern trieb einfach weiter zu kurzweiligen Aktionen wie der interaktiven Tanz-Videoinstallation „Arcadia“ oder dem überaus kommunikativen Live-Computerspiel „Roland muss auf Klo“ des Berliner Konzeptkünstlers Martin Thiele.

Der hatte die originelle Idee, einen gewissen Roland (Michael Geithner, Jan Dose) mit einem dringenden Bedürfnis in einem verschlossenen Raum festzuhalten und mitleidige „Passanten“ zu bitten, mittels Kreativität und Kombinationsgeschick den Schlüssel für die zugesperrte Tür zu finden. Über ein Mikro wurden deren Befehle an Robert übermittelt, den der Helfende zudem auf einer Videoleinwand sah und die Dialoge, die sich dabei entspannen, boten fast die ganze Palette verbaler Kommunikationsmöglichkeiten. Indes gelang es nur Wenigen, das Rätsel zu lösen, die meisten hatten nach etwa neun Minuten die Nase und Roland dementsprechend die Hosen voll.

Sehr familiär ging es wenig später im Studio 2 zu. Bei „Trautes Spiel“, einer Impro-Session mit der Tänzerin Britta Schönbrunn, den Musikern Biliana Voutchkova (Geige) und Sebastian Hilken (Cello) wurden die Zuschauer Teil dieses Spieles mit dem Zufall. Am wenigsten Probleme mit dem Nichtwissen, was im nächsten Moment passieren würde, hatte neben den Akteuren wohl das siebenmonatige Baby Sascha, das dem Geschehen mit unbefangener Neugier und freudigem Gebrabbel folgte. Vielleicht wurde es dabei auch vom Maler Jonathan Sheratte porträtiert, der seine Künste ebenfalls in den Dienst dieser multimedialen Session stellte.

Ganz Mimik und Gestik waren danach die beiden Tänzer Elpida Orfanidou und Hermann Heisig, die in ihrem grandiosen Showing erste und dabei sehr beeindruckende Szenen aus ihrem neu zu erarbeitendem Stück „United States“ zeigten, und damit unbedingt Appetit auf mehr machten. Zu später Stunde tanzten immer noch und immer wieder vor allem junge Leute, die den Großteil der über 100 Besucher des ungemein sympathischen Spektakels bildeten, in dem weißen „Arcadia-Zelt“ neben der „fabrik“. Und diese Installation von Lindy Annis auf der Basis des Videospiels „Dance Dance Revolution“ hat das Zeug, zur neuen Volksbelustigung à la Karaoke oder Hüpfburg zu werden.

Astrid Priebs-Tröger

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