• Sommertheater der Oxymoron Dance Company: Hoffnung auf Befreiung

Sommertheater der Oxymoron Dance Company : Hoffnung auf Befreiung

Liegestühle, kühle Drinks, vollbesetzte Reihen: Sommertanztheater auf der Seebühne. Die Potsdamer Oxymoron Dance Company erkundet in „Animus und Anima“ die gegenwärtige seelische Verfasstheit Jugendlicher.

Astrid Priebs-Tröger
Die Inszenierung "Animus und Anima" der Oxymoron Dance Company scheint intensiver als andere in Bezug auf die gegenwärtige unklare und wechselhafte Situation zu sein. 
Die Inszenierung "Animus und Anima" der Oxymoron Dance Company scheint intensiver als andere in Bezug auf die gegenwärtige unklare...Foto: promo

Potsdam - Sie haben Wort gehalten. Auch in diesem Sommer bespielt die Oxymoron Dance Company die Seebühne am Tiefen See. Und rein äußerlich scheint alles wie immer zu sein: orangefarbene Liegestühle, kühle Drinks, vollbesetzte Reihen. Und die bei Open-Air-Aufführungen unvermeidlichen Autan-Wolken fehlen ebenfalls nicht.

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Doch  am Einlass wird man brüsk in die Pandemie-Realität zurückgeholt und genötigt, für zwei Euro eine Einwegmaske zu erwerben. Obwohl man beteuert, nicht an die Bar, die nur ein Ausschank unter freiem Himmel ist, gehen zu wollen. Anordnung vom Veranstalter und Widerstand zwecklos, so die Auskunft der resoluten jungen Frauen, die dort Dienst haben.

Und das in diesem Sommer auch ein ganz anderer Grundton in Anja Koziks Inszenierung von „Animus und Anima“ herrscht, wird schon nach den ersten Momenten klar. Die dunkel dräuenden Klänge von Modem&Acoid (Kontrabass) und die Live-Drums von Cikomo Paul legen eine zumeist bedrückende Klang-Wolke über die sechs Tänzerinnen und zwei Tänzer, die zu Anfang einzeln die Bühne betreten und auf den dort aufgereihten Stühlen Platz nehmen. Jeder eine Insel für sich.

Äpfel und jugendliche Leichtigkeit

Bis eine der jungen Frauen – sommerlich knapp ganz in schwarz gekleidet – zu einem Apfelbäumchen am linken Bühnenrand geht und von dort einen Korb voller Früchte holt. Diese verteilt sie an die Tänzer vom Berliner Tanzinstitut und der Performance Academy „MoveOn Milano“, mit denen Anja Kozik jetzt zum zweiten Mal zusammengearbeitet hat.

Und die trotz Corona freiwillig aus Italien nach Potsdam gereist sind, wie die Regisseurin beim Schlussapplaus sagt. Und wollte man die Qualität dieser neuen Inszenierung – die vom Lateinischen Animus abgeleitet – Seele bedeutet, beschreiben, so trifft es wohl „gefesselt“ am ehesten.

Doch mit den Äpfeln auf den Köpfen, an den Körpern, im kurzen freien Spiel entsteht ab und an so etwas wie jugendliche Leichtigkeit. Auch wenn diese nicht lange vorhält und in keinem Fall mit den wunderbar entfesselten Trommelklängen des vorjährigen Sommerspektakels vergleichbar ist, die eine ungemein kraftvolle helle Energie ausstrahlten.

Jeder eine Insel für sich.
Jeder eine Insel für sich.Foto: promo

In „Animus und Anima“ sind die Tanzenden zwar äußerlich unversehrt, ihre Bewegungen athletisch und expressiv, doch sehr oft berühren oder spiegeln sie nur sich selbst, und erreichen den oder die andere nicht. Es gibt kaum runde, fließende Bewegungen, sondern oft kantige, kämpferische, konkurrierende Gesten. Und entsprechend kurzatmig wird die Gruppe auch.

Hoffnung auf Befreiung

Entstehen ab und an Paare oder kleine Gruppen, verschwinden sie ganz schnell wieder. Jeder bleibt (s)eine Insel. Erst als die Livemusik wieder mehr ins Äußere/Körperliche wechselt, am Enderhythmische Klängemit italienischen und spanischen Anleihen hervorbringt, gibt es auch bei den Tänzern wieder mehr raumgreifende Bewegungen und den Versuch, den eigenen körperlichen Ausdruck solistisch zu kreieren. Zwischendrin verstreut eine Tänzerin zahlreiche weiße Flaumfedern auf dem Bühnenboden, die wohl einen Anflug von Leichtigkeit symbolisieren sollen. Ganz am Schluss, als noch einige Äpfel übrig sind und ein großer Junge mit asiatischen Aussehen sich an die Spitze der Gruppe setzt, und diese in Richtung Apfelbaum die Bühne verlässt, besteht die Hoffnung auf Befreiung aus dieser zwiespältigen seelischen Verfasstheit. 

Summa summarum: Bei „Animus und Anima“ entsteht der Eindruck, dass die Inszenierung intensiver als andere Bezug auf die gegenwärtige unklare und wechselhafte Situation nimmt, und ihre Akteure stärker von ihr beeinflusst sind.


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