Kultur : Sommernachtsträume

Das Nachbarschaftshaus Scholle 34 zeigt Open Air sozialkritisches Kino

Astrid Priebs-Tröger
Aufstand. „Die göttliche Ordnung“ erzählt von Nora (Marie Leuenberger, M.), die die Schweizer Ordnung gehörig durcheinanderrüttelt. Sie will wählen.
Aufstand. „Die göttliche Ordnung“ erzählt von Nora (Marie Leuenberger, M.), die die Schweizer Ordnung gehörig...Foto: Daniel Ammann

Sommerzeit ist Kinozeit. Was ist schöner, als nach der tropischen Tageshitze unter dem klaren Sternenhimmel mit einem kühlen Getränk in der Hand gute Filme zu sehen? Diesem Vergnügen kann man zum Beispiel im Nachbarschaftshaus Scholle 34 in Potsdam-West nachgehen. Hinter der ehemaligen „Trattoria“, zwischen dem von Graffitis übersäten Jugendclub „Schaue Bude“ und dem wunderbar üppig blühenden Nachbarschaftsgarten wird seit Anfang Juli und noch bis Anfang September jeden Freitag die KinoLeinwand aufgehängt. Sobald es dunkel wird, geht es los – zu jeweils unterschiedlichen Uhrzeiten.

Es ist bereits die dritte Freiluftkinosaison, die hier gerade stattfindet, und diese ist erstmals zehn Wochen lang. Am 6. Juli startete die neue Saison mit dem schwedischen Musikfilmdrama „Wie im Himmel“ und dem Gesang vom Stadtteilchor Potsdam-West. Gezeigt werden außerdem der Dokumentarfilm „Zehn Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ , der nach Alternativen für die Ernährungssicherung für die wachsende Weltbevölkerung sucht oder der preisgekrönte deutsche Mumblecore-Streifen „Love Steaks“. Auch der amerikanische Fantasyfilm „Blade Runner“ von 1982 steht im Programm.

Vor jeder Vorstellung stellen ehrenamtliche Helfer 80 bis 120 Holzklappstühle auf dem gepflasterten ehemaligen Parkplatz auf, ebenso eine improvisierte Bar, die sie mit kühlen Getränken bestücken. Und seit diesem Jahr gibt es auch frisches Popcorn und Eis. Wer es vor dem Filmgenuss jedoch herzhaft mag: Guten Wein und leckere vegetarische Gerichte bietet das „Vegetiv“ im Imbisswagen am Eingang an.

Zwanzig Kinofans – unter ihnen auch Schüler und Studenten – haben sich vor drei Jahren zu einer Gruppe zusammengefunden, erzählt die 38-jährige Bibliothekarin Kerstin Schröder, die sich seit zwei Jahren im Stadtteilnetzwerk engagiert. Jeder schlägt im Vorfeld des Kinosommers Lieblingsfilme vor und dann wird gemeinsam diskutiert. Anschließend stellt die Gruppe zusammen mit dem ehemaligen Besitzer des Werderaner Scala-Kinos, Knut Steenwerth, ein Sommerkinoprogramm mit beachtlicher Bandbreite zusammen. Im vergangenen Jahr lockte die Auswahl zirka 700 Besucher an. Außerdem ist das Programm in der Lage, sich selbst zu tragen, sagt Steenwerth stolz. Er ist für die gesamte Organisation und die Abrechnung zuständig, profitiert hierbei von seinen langjährigen Kontakten aus der Kinobranche. Sieben Ehrenamtliche sind jeden Filmabend vor Ort, um das Kino-Event, zu dem Jung und Alt aus dem Kiez strömen und das auch Cineasten von weiter her kommen lässt, möglich zu machen.

Am heutigen Freitag kommt um 21 Uhr der Schweizer Film „Die Göttliche Ordnung“ zur Aufführung, der sich mit der Gleichstellung der Frauen und der Erlangung des Frauenwahlrechtes im Jahr 1971 befasst. Manch einer mag sich fragen, ob ein Film über die Gleichstellung von Frauen gut platziert ist in einem Sommerkinoprogramm. Doch der Sensationsfilm aus der Schweiz ist keinster Weise als altbackenes Drama über den Kampf um das Frauenwahlrecht, sondern erzählt am Beispiel der jungen Mutter und Hausfrau Nora spritzig, geistreich und pointiert, wie diese es schafft, die althergebrachte, scheinbar „göttliche Ordnung“ im Kanton Appenzell gehörig durcheinander zu schütteln.

Der Film beginnt damit, dass die junge Frau, gespielt von Marie Leuenberger, nach Jahren der Vollzeitkindererziehung wieder halbtags arbeiten gehen will und dafür – und das ist gerade mal 46 Jahre her – ihren Ehemann um Erlaubnis bitten muss. Als dieser ihr das Vorhaben verweigert, erwacht Noras Widerstand. Sie beginnt, feministische Literatur zu lesen, die bislang außerhalb ihres Horizontes lag, und sie besucht zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf einen Workshop für sexuelle Befreiung. Als sie sich dann öffentlich für das Stimmrecht der Frauen in der Schweiz einsetzt und zu einem Streik aufruft, gerät der Dorf- und Familienfrieden gehörig ins Wanken.

Im Film sagt die Erbin einer Sägerei: „Frauen in der Politik, meine Damen, das ist schlichtweg gegen die göttliche Ordnung“ – und nicht nur ihre Rede zeigt, wie aktuell die Auseinandersetzungen um Gleichberechtigung und um die Solidarität der Frauen untereinander sind. Der warmherzige und immer wieder amüsante Film von Petra Volpe, der im vergangenen Jahr in die Kinos kam, zeigt keine Schwarz-Weiß-Welt, in der die Männer die Täter und die Frauen die Opfer sind, sondern macht ebenfalls deutlich, wie die Männer in dieser patriarchalisch geprägten Welt kleingehalten werden.

Genauso aktuell wie die Diskussion um Gleichberechtigung ist die Frage, die in der deutschen Doku „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ von Valentin Thurn gestellt wird. Der Nachbarschaftsgarten, der sich rund um das Open-Air-Kino in der Geschwister-Scholl-Straße 34 legt, ist wahrlich ein gutes Beispiel dafür, wie Selbstversorgung mit Gemüse im Kleinen funktionieren kann.

„Die göttliche Ordnung“, am heutigen Freitag um 21 Uhr in der Scholle 34

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