Kultur : Sommer im Dezember

Otto Niemeyer-Holstein wieder im Alten Rathaus

Astrid Priebs-Tröger

Nasskaltes Schmuddelwetter, Dämmerlicht den ganzen Tag und abends schriller Weihnachtsmarkttrubel: Wer alldem entkommen will, dem kann die am Sonntag eröffnete Otto Niemeyer-Holstein-Ausstellung im Alten Rathaus ein Lichtblick sein. Wenige Monate vor dem 110. Geburtstag des bedeutenden norddeutschen Landschaftsmalers werden 25 Werke aus seiner umfangreichen Schenkung an die Stadt Potsdam im Jahre 1982 gezeigt: Erstmals wieder nach fast zehnjähriger Pause und erfolgter Aufarbeitung mithilfe des Potsdam-Museums.

Den Schwerpunkt der jetzigen Exposition bilden Ölbilder aus den 50er und 60er Jahren, die von den ausgedehnten Reisen des Malers in den Süden, an die Donau, nach Italien und bis nach Buchara, zeugen.

Der Rundgang beginnt in heimatlichen südlichen Gefilden: „Heidelberger Schloss“ und „Neckartal“ beide von 1958, satte Grün- und Blautöne prägen die saftige Flusslandschaft. Dann, man stutzt nur kurz, wird man doch wieder an die dunkle Jahreszeit erinnert. Zwei graue, im direkten Kontrast sehr karge Blätter, „Deich“ (Kaltnadel und Aquatinta) und „Landschaft mit Sonne“, in der der fahle Himmelskörper wie ein Augapfel einsam über einer zerborstenen Landschaft steht. Aber dann hat man es geschafft: Hin zur „Straße in Manfredonia“ (1958), die mit ihren weißen Häusern, strahlend blauem Himmel und einzelnen, dunkel gekleideten alten Frauen fast ein südliches Postkartenklischee bedient – und doch meilenweit davon entfernt ist. Denn durch die besondere Maltechnik Niemeyer-Holsteins, den Farbauftrag aus einem Nebeneinander und Aufeinander von Punkt- und Strichvariationen, ergibt sich ein Schwebezustand, ein atmospärischer Farbklang.

Den kann man am besten genießen, wenn man Abstand hält, dann spürt man förmlich das heiße Flirren in der Luft auf dem „Alten Friedhof bei Buchara“ (1953). Grabsteine sind mit der erdigen Landschaft verschmolzen, so als wüchsen sie schon ewig unter dieser Sonne.

Steine sind noch auf mehreren anderen Ölgemälden zu betrachten, so in der „Landschaft mit Tumulusgräbern“, wo diese wie die Häuser eines entfernten Ortes anmuten oder auf der „Steinbruchstudie“ von 1954, wo sie zwar klobig, doch vielfarbig aus dem Schoß der Erde hervorgebrochen sind und sich wie in einem Schatzkasten präsentieren.

Und immer wieder leuchtende Sommerlandschaften auf Ansichten von Bergdörfern und Gärten, um ganz zuletzt an der breiten und trägen Donau anzukommen, in der sich die Sonne spiegelt. Einfach zeitlos schön und eine Wohltat, nicht nur in diesen Dezembertagen.

Zum Abschluss kann man noch einen Blick auf die Vita, des in der DDR „spät geehrten aber früh verehrten Künstlers“ werfen, die durch drei Porträts der Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth, die den Maler in seinem außergewöhnlichen Atelier auf Usedom zeigen, wunderbar ergänzt wird.

Versprochen wurde von den Ausstellungsmachern, zu denen von Anfang an die Galeristin Ute Samtleben und die Kunstwissenschaftlerin Saskia Hünecke zählen, weitere Werke der kostbaren Schenkung in regelmäßiger Folge zu präsentieren.

Bleibt zu wünschen, dass die Galerie im Alten Rathaus wieder so hergerichtet wird wie in den 80er Jahren, damit die „lichte Poesie“ der Malerei Otto Niemeyer-Holsteins noch wirkungsvoller als jetzt und vor allem dauerhaft zur Geltung kommen kann.

Astrid Priebs-Tröger

Ausstellung bis 23. April 2006, geöffnet Dienstags bis Sonntags von 10-18 Uhr

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