• Skulpturenpfad: Mehr Balance für Potsdam

Skulpturenpfad : Mehr Balance für Potsdam

Arbeiten von Armando und Hubertus von der Goltz sollen den Skulpturenpfad entlang der Havel erweitern.

Ariane Lemme
Dieser Bronze-Mensch balancierte über dem Tor zum Prenzlauer Berg. Eine ähnliche Arbeit des Künstlers Hubertus von der Goltz wird demnächst in Potsdam zu sehen sein – an exponierter Stelle und weithin für alle sichtbar.
Dieser Bronze-Mensch balancierte über dem Tor zum Prenzlauer Berg. Eine ähnliche Arbeit des Künstlers Hubertus von der Goltz wird...Foto: Imago

Es gibt wenig, über das in Potsdam lieber gestritten wird als die Gestaltung des öffentlichen Raumes: Was ist ästhetisch sinnvoller – Modernes bauen oder Altes rekonstruieren, erhalten oder abreißen? Abseits der Streits um die Gebäude des historischen Stadtkerns Potsdams drängen in Potsdam in den vergangenen Jahren aber moderne Kunstwerke dorthin, wo alle sie sehen können. Maßgeblich daran beteiligt ist der Beirat für Kunst im öffentlichen Raum, der vor genau einem Jahr den „Walk of Modern Art“ auf den Weg brachte, einen Skulpturenpfad, der zwei der großen Potsdamer Kulturzentren miteinander verbindet: die Schiffbauergasse mit dem neuen Landtag. Kunst entlang dem anderen, prägenden Element in Potsdam – dem Wasser.

Geplant sind insgesamt 14 Stationen, zwei Werke stehen bislang dort. Jetzt sollen zwei weitere hinzukommen – Armandos „Der Krieger“ und „Wegkreuz“ von Hubertus von der Goltz. Beide Plastiken stammen von Künstlern, die in Potsdam leben und arbeiten, international aber große Anerkennung finden. Da ist zunächst Armandos Bronzeplastik „Der Krieger“, zwei Meter hoch, knapp 400 Kilogramm schwer, mit der für den Künstler typischen unruhigen Oberfläche. Sie soll künftig den Beginn des Pfades an der Schiffbauergasse markieren, nahe dem VW Design Center soll sie – den Tiefen See im Rücken – aufgestellt werden, sagte Jutta Goetzmann, die Vorsitzende des Beirats, als sie die beiden Neuzugänge am Donnerstag im Kulturausschuss vorstellte. Eben dort, vor dem immer leicht gekräuselten Wasser, könne Armandos Skulptur ihre ganz besondere Wirkung entfalten.

„Das Werk hat natürlich viele Bedeutungsebenen, lokal interessant ist es aber vor allem in Bezug auf Potsdam als frühere Garnisonstadt“, sagte Goetzmann. Armando, 1929 in Amsterdam geboren, musste als Kind den Einfall der SS in Holland miterleben, er sah mit an, wie die Nazis nahe seiner Heimatstadt Amersfoort ein Konzentrationslager errichteten und war dabei, als auf einer Heide Massengräber ausgehoben wurden. Jahre später berichtete er als Autor aus Berlin über schuldige Wohnungen, Häuser, wie er es nennt, in denen Menschen ermordet wurden. Über die Erinnerungen anderer Leute. Auch über die der Täter. Mit seinem Buch „De SS’ers“ von 1960 machte er sich nicht nur Freunde: Es beinhaltete Interviews von Holländern, die sich freiwillig zur SS gemeldet hatten.

Seinem künstlerischen Erfolg tat das keinen Abbruch: Er gründete zusammen mit anderen die niederländische Gruppe Informel, gehörte zur internationalen Bewegung Zero und wurde 1982 zur „documenta“ nach Kassel eingeladen.

Seinen „Krieger“ stellt Armando dem Beirat – und damit allen Potsdamern – als Leihgabe zur Verfügung. Nur so ist das Projekt Skulpturenpfad überhaupt finanzierbar: Der Beirat muss lediglich das Geld für Transport und Versicherung aufbringen – und für den Betonsockel, damit die Arbeiten nicht auf dem nackten Boden stehen. 5 000 Euro wird das im Fall des „Kriegers“ kosten, die übernimmt in diesem Fall die Stadt.

Auch das „Wegkreuz“ von Hubertus von der Goltz wird eine Dauerleihgabe, die Nebenkosten von hier 1 900 Euro sollen hier allerdings Sponsoren übernehmen. Einen Sockel wird es nicht benötigen, es bekommt einen ganz besonders exponierten Standort: Die Skulptur mit einer Grundfläche von zehn Quadratmetern soll auf dem Dach der Feuerwehr an der Holzmarktstraße aufgestellt werden. „Damit würde ein nicht besonders attraktiver Abschnitt des Pfades aufgewertet“, so Jutta Goetzmann.

Seine erstaunliche Wirkung entwickelt das „Wegkreuz“ von Weitem: Das 2,70 Meter hohe Kreuz aus Aluminium trägt einen Balancierenden. Leicht wirkt die 600 Kilogramm schwere Arbeit wegen ihrer zweifachen Neigung: Wie ein Baum im Wind neigt sich das Kreuz leicht nach links, die auf dem rechten Querbalken spazierende Figur reckt die Arme zum Ausgleich in die entgegengesetzte Richtung.

Balance ist das Hauptthema des 1941 in Ostpreußen geborenen Bildhauers von der Goltz. Sie steht bei ihm für das Verhältnis zwischen Mensch und Raum, all die sozialen und psychischen Probleme, die jeder zu bewältigen hat. Im Jahr 2005 wurde von der Goltz für seinen Vorschlag eines Balancierenden zwischen den beiden Türmen des Nauener Tors ausgezeichnet, aktuell findet sich eine seiner Skulpturen auch auf dem Dach des Potsdam Museums am Alten Markt. Andere Arbeiten von ihm waren aber auch schon in Chicago oder Shanghai zu sehen. Von der Goltz, der in direkter Nachbarschaft zu Armando sein Potsdamer Atelier hat, gründete im Jahr 2000 außerdem das Kunsthaus Potsdam.

Sowohl „Wegkreuz“ als auch „Der Krieger“ sind figurative Arbeiten, das heißt, ihr Gegenstand ist deutlich zu erkennen. Damit setzen sich die beiden Neuzugänge von den ersten Kunstwerken des Skulpturenpfades ab: Bisher stehen auf der zwei Kilometer langen Strecke entlang der Havel die beiden abstrakten Stahlskulpturen „Großer Fibonacci“ von Rudolf Valentas und „Ambos Mundos“ von Jörg Plickats. Auch diese Arbeiten sind Leihgaben und wurden vergangenen Juli für die Dauer von drei Jahren aufgestellt.

Und auch, wenn die Skulpturen keine erhitzten Debatten wie die um den Wiederaufbau der Garnisonkirche auslösen – ohne Wirkung bleibt die Kunst im öffentlichen Raum nicht: Der Bildhauer Jörg Plickat etwa ist es gewohnt, dass seine Arbeiten nicht immer auf Zustimmung stoßen. Er sieht das gelassen: „Die Leute können sich über meine Skulpturen aufregen, sich an ihnen erfreuen oder sie ignorieren“, sagt er. Gerade das mache für ihn den Charme von Kunst im öffentlichen Raum aus. Auch Jutta Goetzmann war sich vor einem Jahr noch nicht sicher, wie der Skulpturenpfad bei den Potsdamer Bürgern ankommen würde. Den Kulturausschuss immerhin hat sie inzwischen überzeugt, besonders von von der Goltz’ „Wegkreuz“ waren die Mitglieder begeistert. mit spy

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.