Kultur : Sind wir noch zu retten?

Eröffnung der Ökofilmtour 2007

Astrid Priebs-Tröger

Jeden Tag Riesenbrotberge auf der Müllkippe sowie brutale Szenen industrieller Hühnermast: Der Dokumentarfilm „We feed the world“ des Österreichers Erwin Wagenhofer zeigt in eindrucksvollen Einstellungen und aufschlussreichen Kommentaren, wohin uns die weltweite Industrialisierung der Landwirtschaft bereits gebracht hat und bringen wird.

Am Dienstagabend wurde im „Haus der Natur“ in der Lindenstraße mit Wagenhofers Streifen, der derzeit einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme im Kino ist, die 2. Brandenburger Ökofilmtour eröffnet. Fast vier Monate lang werden von kommender Woche an in 30 Festivalorten im gesamten Land Brandenburg 31 Filme kostenlos gezeigt. Sie befassen sich mit Risiken der Genforschung, dem Atomausstieg, Klimafragen sowie Natur- und Artenschutz. Nach den Vorführungen gibt es vielerorts die Möglichkeit, mit den Filmemachern, Politikern und Experten ins Gespräch zu kommen.

Dass der Diskussionsbedarf groß ist, bewies die Ökofilmtour bereits im vergangenen Jahr, als 3500 Besucher auf dem sogenannten „platten Land“ gezählt wurden. Und auch zur Auftaktveranstaltung 2007 waren so viele Besucher gekommen, dass die vorhandenen Plätze nicht ausreichten. Quer durch die Generationen hindurch herrschte gespannte Aufmerksamkeit während der Vorführung und danach Betroffenheit über das Gesehene. Was soll „man“ auch noch sagen angesichts von Transportkosten für Tomaten, die nur ein Prozent des Regalpreises ausmachen, von Einweg-Hybridsamen, die die letzten ursprünglichen Auberginen in Rumänien verdrängen oder dass es praktisch keine gentechnikfreien Lebensmittel mehr gibt. Wagenhofers Film verweist auf Zusammenhänge zwischen den Landwirtschaftssubventionen in Europa und den Flüchtlingsströmen aus Afrika, unserer gigantischen Fleischproduktion und der Abholzung des brasilianischen Regenwaldes und dass „wertneutrale Profitmaximierung“ nicht nur das Weltklima beeinflusst. Und er zeigt auch, wie in der Konsequenz unser eigener Tisch immer ärmlicher wird, nicht nur was die Vielfalt von Nahrungsmitteln, sondern vor allem, was auch deren Geschmack betrifft.

Doch der Filmemacher hinterlässt den Zuschauer nicht völlig ratlos, zumindest nicht die am Dienstagabend. Denn es wurde in der anschließenden Diskussion, an der auch der Schirmherr des Festivals, Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke teilnahm, mehrfach geäußert, dass die Verbraucher eine nicht zu unterschätzende Macht haben. Sie sind nicht nur Opfer, sondern vor allem auch Täter in diesem weltumspannenden Prozess. Auch dass „bio“ kein Allheilmittel ist, vor allem, wenn es immer weniger mit Regionalität verbunden wird, kam zur Sprache.

Nicht zuletzt konstatierte ein Zuschauer, dass es Wagenhofers Film gelungen sei, die Fakten, die er eigentlich schon wusste und die jeder wissen kann, emotional und nachdrücklich ins Bewusstsein zu bringen. Das ist auch das Anliegen der gesamten Filmtour 2007, die mit einer Filmpreisverleihung am 22. April, dem „Tag der Erde“, in Potsdam zu Ende gehen wird. Astrid Priebs-Tröger

www.oekofilmtour.de

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