Kultur : Sie spielte Cello

Vashti Hunter liebt das Instrument, dessen Klang der menschlichen Stimme am nächsten ist

Fühlt sich an wie in einer Ehe. Vashti Hunter, seit 2015 Mitglied der Kammerakademie Potsdam, und ihr kostbares Cello. „Ich wachse langsam mit meinem Instrument zusammen“, sagt die Cellistin.
Fühlt sich an wie in einer Ehe. Vashti Hunter, seit 2015 Mitglied der Kammerakademie Potsdam, und ihr kostbares Cello. „Ich wachse...Foto: Manfred Thomas

Die schönste Liebeserklärung an das Cello, jedenfalls außerhalb der Klassik-Welt, stammt von Udo Lindenberg. „Du spieltest Cello / in jedem Saal in unserer Gegend / ich saß immer in der ersten Reihe / und fand dich so erregend.“ Vashti Hunter, Cellistin der Kammerakademie Potsdam, kennt den Song nicht, weil sie in Großbritannien aufwuchs. Verliebt ins Cello hat sie sich dennoch, wenn auch nicht auf den ersten Blick und ziemlich willkürlich. „Meine Großmutter spielte Bratsche, mein Bruder Geige. Wir wollten ein Streichtrio sein, da blieb für mich nur das Cello übrig.“

Heute sagt sie: „Es ist nicht das schönste Instrument im Orchester. Aber ich liebe die Tiefe seines Klangs. Ich liebe es, die Basslinie zu spielen, diese wesentliche, fundamentale Stimme“. Man sehe es dem großen, sperrigen Instrument nicht an, aber sein Klangspektrum sei extrem vielfältig, von ganz tief bis so hoch wie eine Geige. Und es soll von allen Instrumenten der menschlichen Stimme am ähnlichsten sein, sagt Hunter.

Ihr eigenes Cello wurde 1980 in England gebaut. Es kostete einen fünfstelligen Betrag, und Vashti Hunter packt es nach dem Fototermin sofort zurück in seinen stabilen Kasten, den sie auf dem Rücken trägt, acht Kilogramm etwa wiegt alles zusammen. Es gibt Celli, die kosten Millionen, sagt sie, und ja, man hört einen Unterschied im Klang. Aber nun wächst sie seit sieben Jahren mit ihrem eigenen zusammen. „Es ist wie eine Ehe“. Sie lacht. Im Flieger bekommt das Cello ein eigenes Ticket und sitzt neben ihr.

Sieben Jahre war Vashti Hunter alt, als sie mit dem Cello begann, damals in Kindergröße. Mit 14 bekam sie eines von normaler Größe. Da hatte sie bereits den russischen Lehrer, bei dem es keinen Anfängerbonus mehr gab. „Er war sehr streng“, sagt sie, aber er habe ihr Talent gesehen. Und ihr empfohlen, das Musizieren ernst zu nehmen. Das Üben sei ihr nicht immer leicht gefallen. „Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie mich getriezt hat.“

Und plötzlich sei sie dagewesen, die Leidenschaft, Vashti Hunter wurde noch als Schülerin Mitglied im London Schools Symphony Orchestra und studierte unter anderem in Berlin und Hannover. Seitdem ist sie gefragte Solistin in großen europäischen Orchestern und gewann zahlreiche Preise, 2012 wurde sie erste britische Cellistin beim Internationalen Cellowettbewerb „Prager Frühling“.

Weil sie die wertvollen Verbindungen, die sie während ihres Studiums zu Kollegen aufgebaut hatte, nicht aufgeben und vor allem weiterhin im Klavier-Trio Gaspard spielen wollte, entschied sie sich, in Deutschland zu bleiben. Sie lebt in Berlin und ist seit 2015 Mitglied der Kammerakademie Potsdam. „Ich sah damals die Ausschreibung und dachte – wow“, erzählt die Cellistin. „Ich hatte nur gute Sachen über das Orchester gehört. Dass das Niveau sehr hoch sei, dass sie einen tollen Dirigenten haben und spannende Aufnahmen machen.“ Die KAP und Vashti Hunter, das habe sofort zusammengepasst. Es sei wie eine große musikalische Familie. Sie schätzt auch, dass sie von dem Orchester nicht komplett vereinnahmt wird und Zeit hat, weitere Projekte aktiv zu betreiben.

Wichtig ist ihr zudem die kammermusikalische Orientierung des Orchesters. „Ich bewege mich viel beim Spielen, ich spiele gern energetisch und zeige Emotionen. Das ist in großen Sinfonieorchestern nicht immer beliebt“, sagt sie, „da ist der Gruppenklang wichtiger.“ Sehr gerne spielet sie deshalb in kleinen Formationen, im Trio oder Quartett. Sie empfindet das als eine besonders intensive Zusammenarbeit. „Alle müssen gemeinsam eine Spielform, eine Interpretation erarbeiten. Das ist ein Prozess, in dem man auch mal streiten kann“, sagt Vashti Hunter. Manchmal ergebe sich auch ohne viel zu reden, allein durch das Spiel, eine gemeinsame Linie. Eine Erfahrung, die sie auch vom großen Orchester kennt: Proben sind nie so emotional-faszinierend wie das Konzert. „Man muss darauf vertrauen, dass sich in der Situation auf der Bühne diese einzigartige Stimmung einstellt.“

Die morgige Aufführung wird eine ganz besondere sein. „Von Ende bis Anfang“ heißt das Konzert der Reihe Kammermusik im Foyer. Ein Quartett für Cello, außerdem Meesun Hong Coleman, Violine, Markus Krusche, Klarinette und Joachim Carr, Klavier. Die ungewöhnliche Instrumentierung ergab sich aus den Umständen, unter denen das Stück „Quatuor pour la fin du temps“, Quartett für das Ende der Zeit, entstand. Olivier Messiaen schrieb das Werk 1941 im Kriegsgefangenenlager bei Görlitz. Der Kommandant hatte ihm Papier und ein Klavier besorgt. Klarinette, Geige und Cello waren zufällig im Lager vorhanden. In acht Sätzen geht es um die Dämonen der Zeit, einer Zeit zwischen Angst und Hoffnung, Ende und Anfang. 400 Kriegsgefangene erlebten die Uraufführung im Lager. „Es ist ein spirituelles, atmosphärisches Werk, ein starkes Stück, das tiefgeht“, sagt Hunter. „Beim Spielen entwickelt sich eine besondere Energie. Da wird etwas mit uns passieren. Darauf freue ich mich.“

Konkrete musikalische Vorlieben hat sie keine, sie spielt aber gerne moderne und zeitgenössische Musik. Gerne arbeitet sie direkt mit Komponisten zusammen. Da habe man die Möglichkeit, die Musik gemeinsam zu hören und so zu entwickeln, wie sich das der Komponist vorstellt. Bei älteren Werken bleibe vieles letztlich ein Rätsel und sie als ausführende Musiker fühlten sich beim Blick in die Partitur manchmal wie bei einer investigativen Recherche. Was auch spannend sein kann, räumt Vashti Hunter ein.

Gerne hätte sie mehr Zeit für Jazz, für Improvisation. „Aber das ist eine andere Welt. Man muss viel können, um das zu können. Und es braucht eine starke Vertrautheit unter den Musikern.“ Wenn man Vashti Hunter zuhört, spürt man eine große, ruhige Energie und ihre Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Udo Lindenbergs Cellistin stellt ihr Cello eines Tages in den Keller. Das wird Vashti Hunter aller Voraussicht nach nicht passieren.