• Sich in der Weite des Nichts verlieren

Kultur : Sich in der Weite des Nichts verlieren

Das Duo „Wilde und Vogel“ aus Leipzig macht Figurentheater – und kommt mit seinem Stück „Sibirien“ heute und morgen ins T-Werk

Theresa Dagge

Lasst die Puppen schweigen! Ach nein, das stimmt doch so nicht, eigentlich sollen die Puppen doch immer tanzen und quasseln und lustig sein. Beim Figurentheater „Wilde & Vogel“, das heute und morgen im T-Werk in der Schiffbauergasse zu Gast sein wird, geht es da – in ihrer aktuellen Produktion „Sibirien“ – ernsthafter und vor allem wortloser zu: Angestoßen werden die großen Themen des Menschseins.

Charlotte Wilde, Musikerin und Mitbegründerin der Leipziger Figurentheatergruppe, fasst das mal kompakt zusammen: „Weitestgehend: Was ist der Sinn des Lebens?“ Sonst noch was? Ja, noch so viel mehr. Angefangen hat es mit einer sechswöchigen Reise ins sibirische Kurgan, die das Künstlerduo zum Stück inspiriert hat. Dort haben Charlotte Wilde und ihr Partner, der studierte Figurenspieler Michael Vogel, an einer Gastproduktion gearbeitet. „Man bewegt sich da in einem gigantischen Land, wo der Mensch aber die Ausnahme darstellt“, so Wilde. Die Abwesenheit von Dingen, die Leere haben die beiden fasziniert. „Man fragt sich: Was macht den Menschen denn eigentlich aus? Wo ist der Mensch in der Einsamkeit? Was bleibt von dem, was man auf der Erde gemacht hat?“ Fragen, die mit Worten allein nicht zu fassen sind, die das Figurentheater aber erfahrbar machen will: im Bild, im Klang – weniger durch Sprache.

Was abstrakt klingt, ist der Versuch, den intellektuellen Zugang hintenanzustellen und die Fantasie des Zuschauers zu kitzeln. Die Figuren, groteske Traumwesen, treten in einen stillschweigenden Dialog mit den Zuschauern: Verstand aus, Gefühl an. Zauberhaft hört sich diese Sphäre des Figurentheaters an: Trolltiere mit schrumpeligen Gesichtern, drachenartige Gargoyles, die sonst versteinert auf den Spitzen gotischer Gebäude hocken, fragile Skelettgespenster, die an Giraffen erinnern.

„Es ist faszinierend“, so Wilde. „Obwohl man sieht, dass der Spieler die Figur bewegt, spricht man ihr trotzdem ein Eigenleben zu.“ Eine Märchenwelt aber sei das nicht. „Das ist mir zu romantisch, darum geht es eigentlich nicht. Der Traum an sich ist vielleicht wichtig, aber es geht nicht um eine romantische Träumerei“, sagt Wilde. Die Themen des Figurentheaters sind genauso handfest wie im herkömmlichen Theater auch: „Es geht um den Menschen, es geht um den Tod, es geht um die Liebe.“

In „Sibirien“ behandelt Wilde und Vogel diese Themen jedoch collagenartig – assoziativ. So bildet etwa das sogenannte „sibirische Alfabet“ im Programmheft einen Leitfaden aus Puzzleteilen, die von A wie Aufbruch über E wie Explosion bis zu Q wie Quantensprung reichen. Dort findet sich auch ein O wie in Ossip Emiljewitsch Mandelstam, einem russichen Dichter, der dem Stalinismus zum Opfer fiel und dessen Frau Nadeschda den Nachlass ihres Mannes auswendig lernte, um ihn vor der Auslöschung durch die Diktatur zu bewahren. Auch diese Geschichte findet sich im Stück wider.

Bei den zahlreichen Inspirationsquellen könnte man ein Bühnenchaos erwarten. Doch genau das soll nicht passieren: Sinn fände sich leichter in der Leere denn in der Fülle, sagt Wilde: „Es steht alles etwas nackt da. Manchmal gibt es eine lange Stille. Wir versuchen beim Spiel in einer Art Probe zu bleiben: also in etwas hineinzugehen, ohne es abschließen zu müssen.“ Theresa Dagge

Heute und morgen performt das Figurentheater „Wilde & Vogel“ sein aktuelles Programm „Sibirien“ im T-Werk, 20 Uhr, Tickets: 14 Euro, erm. 9 Euro, Schüler 6 Euro.

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