Serie Kaiserdämmerung 1918 : Töpfe und Teetässchen

Achter und letzter Teil: Rund 60 Eisenbahnwaggons brachten Kunstwerke und Hausrat von Potsdam ins holländische Exil des Kaiserpaares

Stauraum. Die Koffer des Kaisers für seinen Umzug ins Exil.
Stauraum. Die Koffer des Kaisers für seinen Umzug ins Exil.Foto: Wolfgang Pfauder, SPSG

Wilhelm II. hält sich Anfang November 1918 zu seinem Glück nicht in Deutschland auf. Er residiert in seinem Großen Hauptquartier im belgischen Spa. Hier markiert er am Abend des 9. November noch einmal den starken Mann: „Und wenn wir auch alle totgeschlagen werden – vor dem Tod habe ich keine Angst! Nein, ich bleibe hier!“ Dass Wilhelm II. gerne große Sprüche klopfte, hatten die Deutschen hinreichend erfahren. So auch diesmal.

Doch bereits in den Morgenstunden des nächsten Tages setzte sich der Kaiser in die Niederlande ab. So entkam er den Revolutionären und den westlichen Kriegsgegnern, die ihn am liebsten vor Gericht gestellt hätten. Ex-Kaiserin Auguste Victoria reist ihm Ende November hinterher. Das Paar lebt nun im Exil in Holland. Königin Wihelmina der Niederlande, die mit dem preußischen Königshaus verwandt ist, hat ihm die Möglichkeit gegeben, eine neue Existenz aufzubauen. Mit seinen alten Möbeln, die sich noch im Neuen Palais oder im Berliner Stadtschloss befinden. Die durften Wilhelm und Auguste Victoria ins Huis Doorn auf Grund einer großzügigen Entscheidung der deutschen Regierung nachkommen lassen. Der Hausstand des Neuen Palais’ und des Berliner Stadtschlosses zog in rund 60 Eisenbahnwaggons, aufgeteilt auf sechs Transporte, nach Doorn. Die Erwartung Wilhelms bei der Unterzeichnung der Abdankungsurkunde, am 28. November 1918, „dass die Regierung gemäß ihrer früheren Kundgebung, Mein und Meiner Familie Vermögen freigibt“, hatte sich erfüllt.

Die Ausstellung „Kaiserdämmerung – das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik“ im Neuen Palais anlässlich des 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkriegs sowie des Scheiterns der Monarchie in Deutschland, zeigt, welche Stimmung damals im Schloss geherrscht haben muss: Nervosität, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Resignation. Leere Schränke und Koffer als Synonym für den bevorstehenden Umzug geben den Auftakt zur Schau. Das kaiserliche Interieur des Schlosses dezimierte sich danach. Auguste Victoria schmerzte der Verlust des Neuen Palais sehr, wie sie in einem Brief an ihre Schwester Caroline Mathilde bekundete.

Die Ex-Kaiserin listete 1919 wertvolle Objekte des Neuen Palais auf und forderte ihre Freigabe an das Paar in Doorn. Kunstwerke wie Bilder und Skulpturen, Haushaltsutensilien wie Mixer, Gabel, Töpfe oder feine Teetässchen aus den Privatwohnungen verfrachtete man in den Jahren 1919 und 1920 ins niederländische Doorn, in das kleine Schloss der Gemeinde Utrecht, wo die Familie ihr neues Leben fristete. Kaiser Wilhelm II. lebte dort bis 1941, ab 1922 mit Hermine Reuß, nachdem Auguste Viktoria ein Jahr zuvor gestorben war.

Die neue deutsche Staatsregierung zeigte sich bei der Herausgabe von Wilhelms Besitztümern überaus großherzig. Es galt wohl anscheinend die Richtschnur: Von dem Kaiser wollen wir nichts mehr wissen, weg mit seinem Plunder! Dessen Spuren im Schloss wurden getilgt. Die Regierung der Weimarer Republik konzentrierte sich ideologisch auf eine Re-Friderizianisierung. Das Schloss wurde in puncto Ausstattung wieder ganz dem einstigen Erbauer des Palais, Friedrich dem Großen, zugeführt. Man glorifizierte ihn als Wegbereiter des Deutschen Reiches, der Kaiser dagegen galt als dekadent.

Das Neue Palais wurde schließlich Museumsschloss. In den Communs zog eine Tanzschule für modernen Ausdruckstanz ein, für den Komponisten Waldemar von Bausznern und den Architekten Hans Poelzig richtete man Wohnungen ein. Im Neuen Marstall eröffneten Behörden der Luftwaffe und der Reichspost ihre Domizile, in der Zeit des Nationalsozialismus hatte in den Communs I die Reichsführerschule des deutschen Arbeitsdienstes ihren Sitz.

Der Hausherr Wilhelm II., der 30 Jahre im Neuen Palais residierte, wurde nach seinem unfreiwilligen Auszug in den Museumskonzeptionen historisch weitgehend achtlos behandelt. Ein differenziertes Urteil über ihn blieb aus – dies ist unserer Zeit vorbehalten. Klaus Büstrin

Sonderausstellung „Kaiserdämmerung - das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik“, bis zum 12. November, Neues Palais, geöffnet von Mittwoch bis Montag von 10 bis 17.30 Uhr