• Serdar Somuncu im Waschhaus: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“

Serdar Somuncu im Waschhaus : „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“

Serdar Somuncu, der eine "flächendeckende Diskriminierung von Minderheiten" fordert, griff mit seinem neuen Programm "Hassprediger reloaded" im Waschhaus das Establishment an. Dabei erklärt er das System der Intoleranz, ohne anprangernd oder belehrend zu wirken.

Oliver Dietrich

„Es wird flächendeckend beleidigt werden“, kündigte Serdar Somuncu gleich zu Anfang seines Programms an, und dieses Versprechen hielt er auch. Mancher mag ihm im Vorfeld unterstellt haben, dass er einfach nur mit der Attraktivität von Konventionsbrüchen spiele, aber da wurde man schnell eines Besseren belehrt: Somuncu schaffte es, seinen Diskriminierungen einen tiefen, politisch-gesellschaftlich nötigen Sinn zu geben, Impulse für ein tieferes Nachdenken zu setzen – so kam es oft, beinahe ständig vor, dass man mit offenem Mund zu lachen verpasste, weil eine derartige Quittierung seiner Aussagen aufdringlich unangebracht erschien.

Sparen wir uns an dieser Stelle den Diskurs, Somuncu als Deutschtürken oder Türkendeutschen zu definieren, das würde in diesem Kontext geradezu lächerlich erscheinen, gibt ihm dieses Selbstbild doch das Recht, die Diskriminierungskeule auszupacken. Früher habe er sich in der Opferrolle gesehen, jetzt sei es aber an der Zeit, zurückzuschlagen und das ach so politisch korrekte Establishment durch die Hintertür zu überfallen. Man könne in seinem Programm ja leicht selbst überprüfen, wie tolerant man sei: Indem der selbsternannte „Hassias“, der in seinem „Hasstament“ die „rohe Botschaft“ verbreiten will, alles auf die Spitze treibt, entlarvt er die Perspektive der Engstirnigkeit. Schubladendenken? Bitteschön, reizen wir dieses Thema doch aus: „Ich hasse Türken! Ekelhaftes Pack!“, öffnet und schließt Somuncu gleich die erste Schublade. Sicherlich, wenn Heinz Buschkowsky proklamiert, dass Neukölln überall sei, möchte er ihm entgegenhalten, dass Zwickau überall sei. Auch hier lässt es sich aus der Opferrolle am besten zurückschlagen.

Indem Somuncu das Opferlamm schlachtet, entlarvt er die eigentliche Intoleranz, die sich hinter beschützenden Gesten der „political correctness“ verbirgt. „Political correctness ist ein Versteck für Intoleranz“, konstatiert Somuncu. Er sei nicht Kabarettist, sondern Prophet und Gott in einer Person – wundert man sich zunächst noch über dieses überzogene Selbstbild, ertappt man sich ganz schnell dabei, dieser Aussage beizupflichten. Prophetische Diskriminierung also – was haben wir denn noch für Schubladen? Ah ja: Juden natürlich, Behinderte, Rumänen, Dicke, Frauen, Veganer – „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung!“ Es gehe ihm um die Flexibilität der Gedanken, um das Grundprinzip der Inkonsequenz: „Nicht ich bin der Übeltäter, sondern das Publikum ist asozial!“ – und jeder Asoziale, dem er Mario Barth wegnehmen kann, sei ein Gewinn. Und dazu gehöre eben auch das Vulgäre als ein Abbild des Lebens: „Es ist mir ein Bedürfnis, Fotze zu sagen, damit die Generation von Youtube-Kids hier nicht wegnickt.“

Und immer wieder driftet Somuncu von der stereotypischen Konfrontation mit gesellschaftlichen Parametern ins Politische, er dokumentiert die Verlogenheit und bringt sie in einen historisch-politischen Kontext. Und greift die Sexismus-Debatte auf, die ja völlig verkehrt laufe; wenn ein alter Politiker-Sack sich an den Titten einer erwachsenen Frau aufgeile, erzwingt das einen „Aufschrei-Diskurs“, aber wenn Dieter Bohlen „in aller Öffentlichkeit zu einem 16-jährigem Mädchen sagen darf, dass sie nicht singen kann, aber eine geile Figur hat – dann möchte ich an die Decke gehen!“ Recht hat er – und warum, zum Teufel noch mal, ist diese Verlogenheit vorher noch keinem aufgefallen?

Für Somuncu ist wichtig, dass eine „flächendeckende Diskriminierung“ erfolgt. Nur dadurch entlarvt er die chauvinistische Haltung durch die Notwendigkeit, sich selbst aufwerten zu müssen: „Türken sind doch auch nur Untermenschen für euch, weil ihr das mit den Juden nicht mehr machen dürft“, blafft er ins deutsche Publikum. „Ostdeutsche Nazis haben doch noch nie einen lebenden Ausländer gesehen: Die mussten extra in den Westen reisen, um ein paar Türken umzubringen. Was für ein logistischer Aufwand!“ Aber es gehe darum, das System der Intoleranz von innen zu zerstören – schließlich gebe es sogar Türken, die sind CDU-Mitglied. Der Wahnsinn werde immer filigraner: „Ein Nazi hat doch keine Lust mehr, ein Nazi zu sein, wenn man selbst ein besserer Nazi ist.“

Somuncu ist auf dem besten Weg, seinen Comedy-Stempel nachhaltig abzuwaschen. Er dekonstruiert eingefahrene Denkschemata derart eindringlich, dass man durchaus ein schlechtes Gewissen bekommt und sich ertappt fühlt. Ganz exemplarisch wird es, wenn er seine Wahlheimat Köln angreift, den selbsternannten Hort der Toleranz. Von Toleranz spüre er da nichts: „Jede Bombe, die auf Köln abgeworfen wurde, war es wert. Das habe ich gestern auch in Dresden gesagt.“ Er macht eine kurze Pause. „Da waren sie auf einmal ganz still. Aber über die Juden haben sie vorher noch gelacht!“ Da war er wieder, der Spiegel, den Somuncu einem vorhält. Damit erklärt er, ohne belehrend zu wirken, mit einer Nachhaltigkeit, die ihresgleichen sucht. Hört dem Propheten zu! Jetzt und in Ewigkeit.

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