• Selbstversuch auf der Freundschaftsinsel Potsdam: Wenn die Stimme fremdgeht

Selbstversuch auf der Freundschaftsinsel Potsdam : Wenn die Stimme fremdgeht

Im Pavillon auf der Potsdamer Freundschaftsinsel können Besucher derzeit mit „Voicing Pieces“ Experimente mit der eigenen Stimme vollführen. Ein Selbstversuch.

Abflug. Im Reich der fernen Stimmen.
Abflug. Im Reich der fernen Stimmen.Foto: Jä

Potsdam - Die drei schwarzen Ungetüme im lichtdurchfluteten Inselpavillon erinnern an Ufos oder riesige Pilzkappen. Wer erleben will, was sich Choreografin Begüm Erciyas aus Brüssel mit ihrer Performance „Voicing Pieces“ ausgedacht hat, muss seinen Kopf mitsamt Kopfhörern und Mikro in den Pilzhut stecken. Im ersten Hut auch die Arme. Die braucht es zum Umblättern. Denn im Inneren sind Texte an die Wand geleuchtet, die ich mir nun laut vorlese. Mir allein. Nur ein Kopf hat hier Platz. Meine Stimme klingt fremd. Ich mag sie nicht. Ihr fehlt mein Vertrauen. Doch nun, in diesem Experiment, wird mit dieser, meiner Stimme gespielt. Sie wird mir aus dem Mund genommen, geechot, in verschiedenen Frequenzen verzerrt, verzögert, überlagert.

Dieses sprachwitzige Spiel animiert mich zum klaren Artikulieren, zum nuancenreichen Betonen. So als würde ich aus einem Märchenbuch vorlesen. Hier ist der Inhalt des Textes indes Nebensache. Einzelne Wörter – still, laut, schnell, langsam – bringen mich instinktiv dazu, auch meine Sprachgeschwindigkeit und Lautstärke dem Inhalt der Wörter anzupassen. Ich folge konzentriert den Seiten. Bis ans Ende. Dann entsteige ich der Raumkapsel und begebe mich in die zweite hinein.

"Ich bin froh, diesem Ufo zu entrinnen"

In diesen Pilz muss nur noch der Kopf hinein. Eine imaginäre Hand blättert für mich um. Musik kommt dazu, eine Diskokugel dreht sich. In den Ruhephasen zwitschern Vögel. Jetzt kommen Fetzen einer möglichen Geschichte dazu: boy, love, der Satz „Ich stehe allein unter einem Baum auf einer Piazza, wo nicht viel los ist“. Der Text, den ich lese, widerspricht den Geräuschen, die zunehmen, in meinem Kopf dröhnen. Ich bin froh, diesem Ufo zu entrinnen.

Was kommt in der dritten Station auf dieser Reise in meine Resonanzwelt noch auf mich zu? Der Text eines betrunkenen Dichters, der manchmal auch weint. So wie das Mädchen, über das er schrieb, das so lange weint, bis die ganze Welt mit salzigem Wasser bedeckt ist. Doch nur wenige Sätze aus dieser trunkenen Geschichte kann ich mir merken. Ich kämpfe gegen mein Gelalle, gegen das Gefühl, dass ich selbst eine Flasche Rotwein auf der Zunge trage. Es ist ein Kontrollverlust, der eine bleierne Schwere hinterlässt. Ich bin froh, mich im Inselgrün wiederzufinden, diesem wilden Tanz der gelenkten Stimme entkommen zu sein, bei dem ich mich fühlte wie an der Leine eines Dompteurs.

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Täglich bis 10. Juni im Pavillon auf der Freundschaftsinsel, Eintritt 5 Euro

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