• Selbstunterricht für Beamtenkinder auf dem Lande

Kultur : Selbstunterricht für Beamtenkinder auf dem Lande

Der Potsdamer Verlag Bonneß & Hachfeld, gegründet vor 110 Jahren, förderte den zweiten Bildungsweg

Wolfgang Tripmacker

„Hast Du, mein strebsamer Freund, schon einmal aufmerksam die Naturdinge betrachtet, die Dir draußen im Freien begegnen… Hast Du nicht Lust, diese Naturdinge näher kennen zu lernen, zu erfahren, welche Rolle sie im großen Haushalt der Natur spielen?“ So beginnt der erste Lehrbrief zur Naturgeschichte von Professor Bußler in den Selbst-Unterrichts-Briefen der Methode Rustin.

Die wirtschaftliche und technische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatte zu höheren Anforderungen an die technische, wirtschaftliche und auch allgemeine Bildung geführt, denen die geringe Schulbildung vieler Bürger nicht gerecht wurde. In den USA begann die Entwicklung des „home study“. Die neuen Bildungsbedürfnisse regten zwei Potsdamer an, am 16. März 1896 den Verlag Bonneß & Hachfeld zu gründen. Robert Hachfeld, ein angesehener Buchhändler, hatte bereits erste Erfahrungen mit dem Verlegen technischer Lehrbriefe gesammelt im System Karnack-Hachfeld. Hachfelds Partner war August Bonneß sen., ein erfolgreicher Kaufmann.

Die sonst gebräuchlichen Schulbücher eigneten sich nicht für das Selbststudium. Die Verleger und Herausgeber der Lehrbriefe entwickelten deshalb neue pädagogische und populärwissenschaftliche Methoden und nutzten dafür das, was in der Schule im mündlichen Unterricht vermittelt wurde. Der Lehrstoff wurde in einzelnen Vorträgen, einer Unterrichtsstunde entsprechend, wissenschaftlich gründlich, aber allgemein verständlich dargestellt. Auch Prüfungsaufgaben wurden im Lehrbrief aufgegeben. Der Verlag schilderte seine Aufgaben in einer früheren Werbeschrift so: „Unser Lehrinstitut übt sowohl das Lehramt, wie das Amt des Censors mit Gewissenhaftigkeit und Strenge, aber auch mit Nachsicht und Wohlwollen. Bei der Rücksendung der Aufgaben wird deshalb dem Studierenden genau bezeugt, wie es mit seinem bisher erlernten Wissen steht, was er zu leisten imstande ist, wo es bei ihm mangelt und was er deshalb zu wiederholen hat.“

Die technischen Bereiche verblieben weiterhin im System Karnack-Hachfeld, die anderen Bereiche, wie Sprachen, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Landwirtschaft, Musik, kaufmännische Themen, Religion, erschienen im Rustinschen Lehrinstitut. Rustin ist ein Fantasiename, der sich in vielen Sprachen leicht aussprechen lässt. Ein Spezialgebiet waren die Lehrbriefe zur Vorbereitung auf die Prüfungen höherer Lehranstalten, die vor allem in ländlichen Gegenden fern von höheren Schulen genutzt wurden.

Der Revierförster und Postagent Parusel aus Ellguth-Turawa war „entzückt von der vortrefflichen Lehrmethode, die ganz besonders für Beamte, die auf dem Lande wohnen, geeignet ist, ihren Kindern die besseren Schulen zu ersetzen.“

Der Berliner Bezirksfeldwebel Hauschild hatte es mit Rustinscher Hilfe bis zur Promotion gebracht. Er schrieb dem Verlag 1919: „Die Selbstunterrichtsbriefe sind m.E. unübertrefflich. Ich habe sie gewiss schon dreißigmal empfohlen …“. Das Lehrbriefsystem mit kontinuierlichen Lieferungen ermöglichte den Bezug auch Teilnehmern, die sich teure Lehrbücher nicht leisten konnten. Ein Lehrbrief kostete 0,90 bis 1,50 M. Der Verlag machte damit gutes Geschäft. Der Druck erfolgte größtenteils bei A.W. Hayn''s Erben in Potsdam, aber auch in der eigenen Hausdruckerei. Der Stammsitz von Bonneß & Hachfeld war in der heutigen Schopenhauerstraße, weitere Betriebe befanden sich auch an anderen Stellen Potsdams und Babelsbergs. Zu der Unternehmensgruppe gehörten zu unterschiedlichen Zeiten die Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion die Buchhandlung J.E. Andrae, Artibus et literis, der Lumen-Verlag, der Neue Kultur-Verlag, die Potsdamer Versandbücherei, der Verlag Rütten & Loening, das Rustinsche Lehrinstitut, die Vereinsdruckerei. August Bonneß sen. starb 1917, Robert Hachfeld 1920. Die Söhne August Bonneß jun. und Dr. Albert Hachfeld übernahmen die Geschäfte und erweiterten sie. In den dreißiger Jahren wurden Lehrbriefe durch Raumbilder ergänzt, zu denen Spezialbrillen geliefert wurden. August Bonneß jun. wurde wegen seiner antifaschistischen Haltung vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 4.12.1944 in Brandenburg hingerichtet.

Die Verlagstätigkeit von Bonneß & Hachfeld endete in Potsdam 1950 mit der Verlegung nach München durch die Witwe Gertrud Bonneß. Hachfeld war im Mai 1945 ausgeschieden.

Wolfgang Tripmacker

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