• Sehsüchte: Interview mit Oliver Schütte: „Drehbuchautoren sind Verunsicherer“

Sehsüchte: Interview mit Oliver Schütte : „Drehbuchautoren sind Verunsicherer“

Sehsüchte-Jurymitglied Oliver Schütte verrät, was ein gutes Drehbuch ausmacht und was Autoren vermeiden sollten.

Foto: Promo

Herr Schütte, Sie haben „Die Kunst des Drehbuchlesens“ geschrieben. Wie liest man ein Drehbuch denn am besten?

Jetzt für die Juryarbeit bei den Sehsüchten bin ich tatsächlich alphabetisch vorgegangen. Ansonsten lese ich zunächst einmal ohne Stift. Zumindest im ersten Durchlauf. Ich lese ein Drehbuch immer einmal komplett durch, ohne mir Notizen zu machen, die kommen beim zweiten Durchgang. Wichtig ist, dass man sich die Zeit nimmt, bis zum Ende zu lesen.

Auch wenn ich schon auf Seite drei gelangweilt bin?

Das wäre natürlich sehr bitter. Tatsächlich weiß ich meistens bereits auf Seite sieben oder zehn, ob mir das Drehbuch gefällt oder eben nicht. Gerade dann ist es aber wichtig, weiterzulesen.

Warum?

Weil sich der Eindruck in manchen Fällen tatsächlich noch ändert. Das ist beim Filmgucken ähnlich. Die ersten zehn Minuten entscheiden über Mögen oder Nichtmögen. Manchmal reißt es der Film ganz zum Schluss aber noch raus oder spielt bewusst mit Irritation. Drehbuchautoren sind Verunsicherer.

Wie meinen Sie das?

Nehmen Sie „Psycho“ von Alfred Hitchcock: Drehbuchautor Joseph Stefano lässt seine Hauptfigur nach etwa einer halben Stunde sterben und hinterlässt den Zuschauer geschockt und ratlos. Trotzdem bleibt der Film spannend. Er funktioniert, weil er genau wusste, was er tut.

Das heißt also, wenn ein Drehbuchautor seine Geschichte gut kennt, darf er sich alles erlauben?

Quasi, ja. Ein Drehbuch folgt meist dem klassischen Aufbau von Einführung, Hauptteil mit Konflikt und am Ende der Konfliktlösung. Das Wichtigste beim Schreiben ist, den Kern seiner Geschichte zu kennen. Der sollte sich in einem Satz zusammenfassen lassen und muss gar nicht das Offensichtliche beschreiben. Steven Spielberg sagte zum Beispiel, die Quintessenz von „Schindlers Liste“ sei: „One man can make a difference.“ Wenn man diesen Kern hat, ist es wesentlich einfacher, die Geschichte aufzubauen und nicht herumzuschlingern.

Es geht also um Handwerk?

Absolut. Ein gutes Drehbuch muss handwerklich gut gemacht sein und Originalität aufweisen. Einen neuen Blick auf eine Geschichte finden und natürlich auf Klischees verzichten. Figuren sollten auf keinen Fall eindimensional sein, weder nur gut, noch nur schlecht. Menschen bestehen nun mal aus unterschiedlichen Facetten, das sollte sich auch abbilden.

Auch, um Empathie zu schaffen?

Genau. Der Film ist eine Empathiemaschine. Gute Filme verknüpfen den Zuschauer mit den Figuren, schicken sie mit ihnen auf eine emotionale Reise. Der Film ist dabei von allen Künsten auch am direktesten, weil der Zuschauer die Emotionen sieht. Durch Großaufnahmen etwa ist er ganz dicht am Schmerz in den Augen, den Tränen oder der Wut.

Gibt es denn etwas, das ein Drehbuchautor auf gar keinen Fall tun darf?

Langeweile aufkommen lassen. Ansonsten würde ich nie etwas verbieten.

Das Gespräch führte Sarah Kugler

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Zur PersonOliver Schütte, 58 Jahre, studierte Theaterwissenschaft und Filmwissenschaft, ist Drehbuchautor und unterrichtet Drehbuchschreiben. Für die Sehsüchte sitzt er in der Drehbuch-Jury.