Kultur : Schwarz- weiß- bunt

Wist und Schwittay beim HOT-Nachtboulevard

Astrid Priebs-Tröger

„Chambre privée“ ist der Titel einer neuen Reihe im Rahmen des Nachtboulevards am Hans Otto Theater. Zur Premiere am Freitagabend waren Potsdams wohl bekanntester Buchhändler, Carsten Wist, und der Schauspieler und Neu-Potsdamer René Schwittay gekommen. Zu ihnen gesellten sich auf Samtsofa und Sessel die beiden Dramaturgen Nadja Hess und Al Khalisi. Deren Aufgabe war es, den alteingesessenen Potsdamer und den Neuankömmling ganz privat – sozusagen ohne Rolle und Kostüm – vorzustellen.

Dabei bedienten sie sich unterschiedlicher Mittel. Schwarz-weiße Kinderfotos und die Geschichten dazu bildeten den Anfang und nach 90 Minuten lockerer Unterhaltung inklusive zweier Spiele, griffen die Stars des Abends zum Mikrofon und sangen in Karaoke-Manier Johnny Cashs „Ring of fire“. Das war unzweifelhaft der Höhepunkt des Abends und hätte eigentlich am Anfang stehen können, denn erst hier herrschte so etwas wie ein Kräftegleichgewicht. Über weite Strecken bestimmte Carsten Wist das Geschehen. Der zwanzig Jahre Ältere hatte einfach die farbigere Biografie und ist zudem ein faszinierender Erzähler.

Das Publikum hing besonders während der Schilderungen seiner mehrmals durch die Staatsgewalt verhinderten Berufsbiografie – vom Sportjournalisten über den Deutschlehrer bis hin zum Dramaturgen – an seinen Lippen. Und noch immer schüttelt man ungläubig den Kopf darüber, wie sich der arbeitslose Lebenskünstler einige Zeit mit gesammelten Glasflaschen, Eicheln und Brennnesseln über Wasser hielt. Und wie ihm seine vegetarische Ernährung – Weizenschrot mit Äpfeln oder Tomaten – damals aus der Not geboren, auch heute fit hält, dass er seinen Literaturladen im 20. Jahr auf Erfolgskurs hält, eine große Familie managt, exzessiv Sport treibt und nicht nur in Potsdam bekannt ist wie ein bunter Hund.

René Schwittay, 1978 im Rheinland geboren, hatte zwar von Kindheit an Farbfotos zu bieten, aber seine Biografie nahm sich neben der von Wist geradezu unspektakulär aus. Und wer ihn heute in „Das weite Land“ oder „Familie Schroffenstein“ erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass es einst seine Mutter war, die die dreizehn Schauspielschulen, an denen er vergeblich vorsprach, anschrieb, weil er selbst Angst vor Ablehnungen hatte. Schwittay präsentierte dem Publikum, in dem nicht wenige seiner Kollegen saßen, verschmitzt einige seiner menschlich-allzumenschlichen Schwächen und erntete auch damit eine Menge Sympathie.

Allerdings hätte man sich die ganze Runde etwas pointierter und vor allem paritätischer gewünscht. Die Moderatoren (mit Westbiografie) waren manchmal zu sehr von den eigenen Entdeckungen im Osten – Stichwort: Pritzwalk und Café Heider – begeistert, als dass sie wirklich eine Ausgewogenheit herstellen und auch einige Längen verhindern konnten. Am Anfang hätte man sich deutlich weniger, aber dafür aussagekräftigere Fotos gewünscht, die frühen Biografien hätten stärker kategorisiert sein können und bei den Geschichten nach Abitur und Ausbildung wäre gerade bei Schwittay die eine oder andere Nachfrage angebracht gewesen.

Vielleicht lässt man bei der nächsten Runde von „Chambre privée“ auch das Publikum als Fragesteller zu und benutzt doch Mikrofone, die das Hallige des an einen Wartesaal erinnernden Raumes besser zu überwinden vermögen. Doch ungeachtet der dramaturgischen Schwächen machte der Auftakt Lust auf weitere Begegnungen zwischen Alt- und Neu-Potsdamern. Astrid Priebs-Tröger

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