• Schriftsteller Stephan Abarbanell im Porträt: Der niemals Müde

Schriftsteller Stephan Abarbanell im Porträt : Der niemals Müde

Stephan Abarbanell lebt in Potsdam Babelsberg, ist Kulturchef beim rbb und außerdem Romanautor. Sein zweites Buch „Das Licht jener Tage“ ist gerade erschienen.

Stephan Abarbanell lebt mit seiner Familie in Babelsberg und schreibt seine Bücher neben seiner eigentlichen Arbeit beim rbb.
Stephan Abarbanell lebt mit seiner Familie in Babelsberg und schreibt seine Bücher neben seiner eigentlichen Arbeit beim rbb.Foto: Varvara Smirnova

Potsdam - Einfach an die Wand starren kann er nicht. Den Kopf abstellen, die Gedanken ziehen lassen. Stephan Abarbanell muss mit seinen Gedanken immer etwas machen, sie verarbeiten – und nicht selten aufschreiben. So wie in seinem zweiten Roman „Das Licht jener Tage“, der vor Kurzen erschienen ist und eine spannende Geschichte über Politik, Freundschaft und Liebe erzählt.

Zum Buch

Stephan Abarbanell: Das Licht jener Tage. Blessing, 2019, 352 Seiten, 22 Euro.

Sein Protagonist Robert Landauer ist Mediziner, muss sich aber nach einem Pharmaskandal neu orientieren. In Berlin hilft er einer jungen Muslimin, die in ihrem Auto einen leichten Hitzeschock erlebt – und stolpert unbeabsichtigt in seine eigene Vergangenheit. Denn dem Vater der Frau, Fouad Tamimi, ist Landauer schon einmal vor vielen Jahren im Libanon begegnet. Das Wiedersehen führt schließlich zu einer erneuten Reise in den Nahen Osten.

Aus einem Gedankenexperiment ist diese Geschichte entstanden, quasi aus einem Tagtraum, wie Stephan Abarbanell erzählt. „Ich habe tatsächlich eine verschleierte junge Frau in ihrem Smart sitzen sehen, auf den die Sonne brannte.“ Daraufhin habe er gesponnen, was wohl passieren würde, wenn er sie nach Hause bringe, wie die Familie reagieren würde – der Anfang einer Geschichte war entstanden. Im Gegensatz zu seinem ersten Roman „Morgenland“, in dem eine junge Frau die Protagonistin ist, hat der 62-jährige Wahlbabelsberger diesmal eine Hauptfigur näher an seinem eigenen Alter gewählt.

Stephan Abarbanell liest selbst viel - sein eigenes Buch natürlich nur auf Lesungen.
Stephan Abarbanell liest selbst viel - sein eigenes Buch natürlich nur auf Lesungen.Foto: Varvara Smirnova

"Die Figuren holen sich ihr Leben zurück"

Sein Verleger hatte ihm dazu geraten, die eigenen Erfahrungen mit einfließen zu lassen, Abarbanell war zunächst skeptisch, habe es dann aber ausprobiert. „Ich habe eine Woche lang geschrieben und habe gemerkt: das geht, mir fällt etwas ein“, sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: „Viele meiner Leser sind ja auch eher in dem Alter, das spricht sie also auch an.“ Für seinen Protagonisten Robert Landauer hat er dann erstmal eine kleine Autobiographie geschrieben, um seine Figur kennenzulernen und überhaupt in den Roman einsteigen zu können. „Am Anfang weiß ich oft gar nicht richtig, was eigentlich los ist, was der da überhaupt macht“, erzählt Abarbanell und lacht. Die hoch komplexe Geschichte seines Romans plottet er dennoch komplett durch, auch um sich nicht zu verzetteln. „Letztendlich holen sich die Figuren aber immer ihr eigenes Leben zurück und erklären mir, wie es funktioniert.“

Um die Schauplätze seines Romans so authentisch wie möglich zu gestalten, ist er viel gereist. Zwei Mal war er im Libanon, hat dort mit Menschen gesprochen, verschiedene Orte kennengelernt. Mit Israel verbindet er schon allein wegen seines Namens viel, reist dort seit seiner Jugend hin. Abarbanell ist ein alter jüdischer Name, zurückverfolgbar bis ins Spanien von 1492. „In Israel kennt den Namen jeder, hier eher weniger“, sagt der Autor, der in Braunschweig geboren, aber in Hamburg aufgewachsen ist. Auch wenn er selbst keinen Glauben praktiziert, interessiert sich Abarbanell für Religionen. Ihre Wirkung auf die Menschen, die Deutungshoheit, die alle drei großen monotheistischen Religionen für sich beanspruchen und die eigentlich keine hat. „Die Fragen sind fast immer interessanter als die Antworten, es lohnt sich schon, genau hinzugucken“, sagt er.

Als Schriftsteller zieht es Abarbanell in den Nahen Osten, ihn interessieren die politischen Verwicklungen, das Leben dort.
Als Schriftsteller zieht es Abarbanell in den Nahen Osten, ihn interessieren die politischen Verwicklungen, das Leben dort.Foto: Varvara Smirnova

Abarbanell hat Theologie studiert

Ursprünglich habe er deswegen Jüdische Theologie studieren wollen, der Studiengang existierte aber in den 70er Jahren noch nicht, also wählte er Evangelische Theologie. Im Zuge dessen hat er unter anderem Alt-Hebräisch gelernt, das moderne spricht er hingegen nicht. Parallel zum Studium hat er schon damals Texte geschrieben und dann in Frankfurt am Main publizistisch gearbeitet. Schließlich kam ein Angebot vom rbb, dort ist Abarbanell heute Kulturchef. Seine Bücher schreibt er nebenbei. Das gelingt nur, weil er es versteht, wenig Zeit effektiv zu nutzen. Er schreibt am Wochenende, nach Feierabend, ja selbst im Urlaub. Es kommt durchaus vor, dass er und seine Frau – die bekannte Literaturübersetzerin Bettina Abarbanell – Ferienwohnungen mit zwei Schreibtischen buchen, um gut arbeiten zu können. „Wir ergänzen uns dahingehend sehr gut“, sagt Abarbanell, der mit seiner Familie seit 1997 in Babelsberg wohnt. Das Schreiben sei für ihn auch ein Ausgleich zum teamgeprägten Job – hier ist nur er ganz allein für das Ergebnis seiner Arbeit verantwortlich.

Der literarische Doppelhaushalt ist dort deutlich zu spüren. Im Wohnzimmer stehen mehrere, gut gefüllte Bücherregale und im Flur findet sich ein ganz spezielles Designerstück: Ein kleines Regal, dessen Fächer aus Büchlein der Insel-Bücherei bestehen. Weil es schon dadurch ein Hingucker ist, bleiben die Fächer leer. Abarbanell liest viel – auch wenn er selbst an einem Roman schreibt. Weil es ihm hilft, sich zu orientieren, zu verstehen, warum dieser oder jene literarische Kniff funktioniert. Vor allem amerikanische Klassiker wie Ernest Hemingway oder William Faulkner bewundert er, aber auch vom neuesten Buch der, ebenfalls amerikanischen Autorin Rachel Kushner ist er sehr begeistert. „Und das nicht, weil meine Frau es übersetzt hat, es ist einfach ein hohes literarisches Niveau“, sagt er. Auch das Filmische reize ihn an der amerikanischen Literatur. „Wenn die Bilder beim Lesen nicht sofort entstehen, ist das doof.“

In das „Das Licht jener Tage“ gelingt ihm genau das gut. Obwohl oder vielleicht gerade weil Abarbanell kein ausschweifender oder gar blumiger Erzähler ist, entsteht sofort Spannung, baut sich sein Protagonist vor dem inneren Auge auf. Das reduzierte Schreiben ist ihm wichtig, gerne würde er sich noch viel kürzer fassen können. „Wenn ich irgendwann eine Geschichte auf 15 Seiten rund erzählen kann, bin ich glücklich“, scherzt er.

Zu seinem ersten Buch „Morgenland“ hat er übrigens gemeinsam mit einem irischen Kollegen bereits ein Drehbuch verfasst. Nochmal eine ganz andere Arbeit sei das gewesen, die auch wieder Reduzierung auf das Wesentliche verlangte – und eine weitere Möglichkeit für Abarbanell war, seine Gedanken zu verarbeiten.