• Schräge Linien, schiefe Winkel „The Roaring Twenties“ mit der KAP im Barberini

Kultur : Schräge Linien, schiefe Winkel „The Roaring Twenties“ mit der KAP im Barberini

Babette Kaiserkern

Ob Narr mit Klarinette, Geschlagener mit Horn oder kraftstrotzender Ringer mit Saxophon: Die Gemälde von Max Beckmann in der aktuellen Ausstellung im Museum Barberini liefern eine prima Vorlage für musikalische Assoziationen. Das freut nicht nur Moderator Clemens Coldberg („Fast in jedem Bild ist ein Musikinstrument zu sehen“), sondern auch die Musiker der Kammerakademie Potsdam (KAP), die das Gesprächskonzert „The Roaring Twenties“ als Bläserquintett bestritten und die Bilder mit Werken von Arnold Schönberg, Paul Hindemith und Darius Milhaud in Szene setzten.

Freilich könnte man genauso gut sagen, dass Beckmanns vielschichtige, heftige Malerei des „Welttheaters“ – so der Titel der Ausstellung – den anschaulichen Hintergrund für die Musik liefert. Auf Augenhöhe lief die Plauderei zwischen Goldberg und Museumsdirektorin Ortrud Westheider ab. Den Aufschlag gibt Goldberg, während Westheider mit kleinen Häppchen aus dem kunsthistorischen Fundus pariert. Das wirkt manchmal sprunghaft und assoziativ, ist aber durchaus so gewollt und gibt reichlich Anregung zum eigenen Schauen und Hören.

Nicht zuletzt die wunderbar abgestimmte Auswahl der Kunstwerke erweitert hier den Horizont. Paul Hindemiths „Kleine Kammermusik“ von 1922 begibt sich genauso auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen wie der Maler Beckmann. Beide sind vom ersten Weltkrieg geprägt, beide verabschieden alte Stilrichtungen. Schräge Linien, schiefe Winkel, bewusst lapidare Motive prägen ihre Werke – in der Malerei und in der Musik. Ähnlich wie die groteske Gigue im Finale den Musikern (Bettina Lange, Jan Böttcher, Markus Krusche, Christoph Knitt, Lionel Speciale) Gelegenheit für formidable Soli gibt, haben auch die Darsteller bei Beckmann ihren Auftritt. Kostümiert und manchmal maskiert verraten sie ihr Inneres nicht, genau wie der Maler, der ein Beobachter bleibt. In dem zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstandenem Triptychon „Schauspieler“ rammt er sich einen Dolch in die Brust.

Nähe und Distanz, Vertrautes und Fremdes, Neues und Altes oszillieren hier heftig, genauso wie im Scherzo aus Schönbergs Bläserquintett op. 26. Ein frühes Werk der Zwölfton-Musik, auf das Schönberg stolz war, aber es hält noch das klassische dreiteilige Formgefüge ein. Weit weniger grüblerisch und artifiziell klingt die Scaramouche-Suite von Darius Milhaud. Der südfranzösische Komponist kultiviert hier – verstärkt von einem Altsaxophon (Karola Elßner) – die leichte, heitere Seite des Theaters als Hommage an den Hofnarren von Ludwig XIV. und den großen Komödiendichter Molière.

Zur finalen Samba wird Max Beckmanns enigmatisches Selbstporträt als Clown von 1921 gezeigt. Er hat die Maske abgenommen, streckt dem Betrachter seinen bloßen rechten Arm entgegen – er schiene verletzlich, wenn da nicht der wache Blick wäre und das Horn, das mit seinem offenen, roten Schallloch träge wie ein Tier in seinem Schoß läge. Da war der Maler noch ganz in seinem Element – bis zur letzten Vorstellung sollten noch viele Jahre vergehen. „Ein lächerlicher alter Clown bin ich und nichts anderes ... Schluss der Vorstellung sehr bald …“, schrieb Beckmann im April 1946 in Amsterdam in sein Tagebuch. Er starb am 27. Dezember 1950 in New York, genau einen Tag nachdem er sein letztes großen Triptychon „Die Argonauten“, das ebenfalls im Barberini zu sehen ist, vollendet hatte. Babette Kaiserkern