• Schmutzige Uniform, wunderschöne Tabatieren

Kultur : Schmutzige Uniform, wunderschöne Tabatieren

Friedrich II. liebte kostspielige Tabakdosen: Wie er sie finanzierte hat Ralf Zimmer genauer untersucht

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18.10.2013 21:17

Herr Zimmer, wie hätte Friedrich der Große reagiert, wenn Sie sich schon zu seiner Zeit so intensiv mit seinen Schatullrechnungen beschäftigt hätten?

Im günstigsten Fall hätte mir das Festungshaft in Spandau eingebracht. Nach damaligem Verständnis waren Finanzangelegenheiten der Kern der Politik, bildeten sie doch die Basis der Macht des Königs und seines Staates. Niemand hatte ein Interesse daran, solche Dinge an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Dementsprechend waren Geldfragen Staatsgeheimnisse und deshalb hatten auch nur ganz wenige aus dem engsten Kreis um den König mit dieser Sphäre zu tun.

Und die hatten selbstverständlich Stillschweigen zu wahren.

Die Rentmeister der königlichen Kassen wurden bei ihrem Amtsantritt sogar vereidigt. Sie mussten den Eid bei der Thronbesteigung eines neuen Monarchen wiederholen. Einen wesentlichen Bestandteil dieses Schwures bildete die Geheimhaltungspflicht. Darüber hinaus dokumentieren die jetzt veröffentlichten Quellen Ausgaben des Königs von eher persönlicher Natur. Sie wurden aus Mitteln beglichen, die Friedrich der Große als die seinigen betrachtete. Darin liegt der Reiz dieser Quellen. Um es modern zu formulieren: Auch wenn es nicht mehr um Festungshaft geht, würde wohl niemand der Bundeskanzlerin Angela Merkel derartige Fragen stellen; und das in einer durch Medien geprägten Gesellschaft. Bei einem solchen Fall wäre wohl auch heute mit unangenehmen Konsequenzen zu rechnen.

Aber selbst wenn seine Finanzen wie heute veröffentlicht worden wären, hätte ihn das doch wenig zu interessieren brauchen, war er hier doch als König niemandem Rechenschaft schuldig.

Das ist richtig. Allerdings – rein menschlich gesehen – war er sich selbst Rechenschaft schuldig. Der König reflektierte sein eigenes Handeln und zog entsprechende Konsequenzen aus diesen Überlegungen. Man sollte meiner Meinung nach die mit dem Erwerb Schlesiens verbundene Belastung Friedrichs nie außer Acht lassen. Er betrachtete den Besitz der wertvollen Provinz immer als gefährdet. Zu sichern war dieser nur durch einen starken Staat, damals also vor allem mit einer großen schlagkräftigen Armee, womit wir wieder beim Gelde wären. Dessen war sich der König bewusst. Wenn er in seinem persönlichen Testament betont, dass er nie staatliche Gelder für eigene Bedürfnisse ausgegeben hat, war das meiner Meinung nach nicht nur eine Inszenierung, sondern im Verständnis Friedrichs ehrlich gemeint, auch wenn wir – an heutigen Maßstäben, hier einiges anders sehen würden.

Sie haben sich in den vergangenen Jahren neben den Schatullrechnungen des preußischen Königs nun auch mit dem sogenannten Journal und der „Roten Schatulle“ beschäftigt. Was hat es damit auf sich?

Bei den monatlichen Schatullrechnungen, die wir anlässlich des 300. Geburtstages Friedrichs II. im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, handelt es sich im Grunde genommen um einfache Ausgaberegister. Diese verzeichnen meist nur den Anlass, den Empfänger und die Höhe der Zahlung. Man kann ihnen entnehmen, wofür der König „sein“ Geld ausgab. Beschreibungen erworbener Kunstwerke fehlen jedoch. Dafür wissen wir, dass der Juwelier Daniel Baudesson im April 1749 für eine gelieferte Tabaksdose 473 Reichstaler erhielt. Wie diese aussah, lässt sich den monatlichen Schatullrechnungen nicht entnehmen. Genauere Beschreibungen enthielten die dazugehörigen Rechnungen und Quittungen, die jedoch im Zweiten Weltkrieg bei einem Archivbrand vernichtet wurden.

Ist das bei der „Roten Schatulle“ anders?

Ja, denn vollständig erhalten sind solche Dokumente allerdings für die aus der nun veröffentlichten „Roten Schatulle“, geführt von 1770 bis 1772, bezahlten Erwerbungen. Zumindest teilweise existieren sie auch für die als „Journal bei der Königlichen Schatulle“ bezeichneten Akte, die uns die königliche Schatulle am Ende des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 und in den ersten Nachkriegsjahren zeigt. Insofern ergänzen die beiden Quellen die 40 Bände mit insgesamt 910 Blättern der monatlichen Schatullrechnungen von 1742 bis 1786.

Ergeben sich aus den beiden neuen Veröffentlichungen weitere Erkenntnisse?

Ja. Während die monatlichen Schatullrechnungen immer im direkten Umfeld Friedrichs des Großen durch einen vertrauenswürdigen Diener erstellt wurden, der den König ständig begleitete – wobei die Diener jedoch mitunter wechselten –, oblag die Verwaltung aller dem Monarchen zur unmittelbaren Verfügung stehenden Gelder ganz besonderen Vertrauenspersonen. Nach 1763 bis 1786 war das der Rentmeister der Hofstaatskasse Johann August Buchholtz. Er verwaltete alle Gelder, die der Monarch für sich beanspruchte und aus verschiedenen Kassen bezog. Friedrich bewegte sich dabei zum Teil in den Spuren seines Vaters. Andere Quellen hat sich der Sohn hingegen selbst erschlossen.

Also steckte ein System dahinter?

Das war sogar ein ausgefeiltes System. Denn das, was Buchholtz aus den anderen Kassen einnahm, war meist mehr, als für die monatlichen Schatullrechnungen ausgegeben wurde. Und von dem, was an Geldern übrig blieb, legte Friedrich unter anderem die „Rote Schatulle“ an. Das gehört zu den wesentlichen Erkenntnissen: Dem König standen wesentlich umfangreichere Gelder – als es die monatlichen Schatullrechnungen suggerieren – zur Verfügung.

Um sich so beispielsweise die von ihm so geliebten und äußerst kostspieligen Tabakdosen zu leisten?

Ja, und was deren Finanzierung betraf, war der König sehr modern, denn er hat sich so eine Art Fonds geschaffen. In den monatlichen Schatullrechnungen finden wir so im Grunde die alltäglichen Ausgaben, in der „Roten Schatulle“ dann sozusagen das gesparte Geld für die besonders kostspieligen Vorlieben des Königs.

Auch wenn diese kostbaren Tabakdosen heute wie eine luxuriöse Spielerei des Königs wirken, so waren sie aber immer auch ein Statussymbol.

Und je kostspieliger eine solche Tabakdose war, umso größer wurde der Abstand zwischen dem König und den anderen. Denn wenn Friedrich eine solche Dose aus seinem Rock zog, zeigte er, wer er war, demonstrierte seine herausgehobene gesellschaftliche Stellung. Wir sollten ihn an den Maßstäben seiner Zeit messen. Zu diesen gehörte auch, dass ein Herrscher den Staat zu repräsentieren hatte. Darum können wir in diesem Zusammenhang auch nicht behaupten, Friedrich sei ein Verschwender gewesen. Hier trafen sich persönliche Vorliebe und herrschaftliche Pflichten. Zeitgenossen überliefern den eigentümlichen Kontrast zwischen der abgetragenen, schmutzigen Uniform und den wunderschönen Tabatieren, die der König aus ihren Taschen zog.

Seine Vorliebe für Kirschen hatte jedoch für uns schon verschwenderische Züge.

In einem Brief an seinen Kämmerer Fredersdorf entschuldigt er sich sogar dafür und schreibt in seinem holprigen Deutsch: „Ich werde mir eine liederliche Reputation machen.“ Das ist natürlich auch etwas kokett. In dem betreffenden Monat April 1754 hatte er stolze 400 Taler ausgegeben.

Für Kirschen?

Nur für Kirschen. Und wenn man dann weiß, dass der Fechtmeister Küntzel, der die königlichen Pagen in dieser wesentlichen adligen Fertigkeit unterrichtete, 12 Reichstaler pro Monat erhielt, dann offenbaren sich da die Dimensionen.

Warum waren Kirschen damals so teuer?

Friedrich wollte das ganze Jahr Kirschen essen. Und die kamen beispielsweise im März 1744 nicht preisgünstig aus Spanien, sondern wurden in unserer Region in extra dafür errichteten Gewächshäusern angebaut. Dabei wurde sogar experimentiert, wobei sich eine ganze Lieferindustrie entwickelte. Eine einzelne Kirsche konnte im Winter bis zu drei Talern kosten.

Welches Bild zeichnen all die trockenen Zahlen auf den Rechnungen vom Menschen Friedrich?

Meiner Meinung nach ein sehr modern anmutendes und facettenreiches. So erstaunlich es klingen mag, die auf „perspektivia.net“, der Publikationsplattform für die Geisteswissenschaften, veröffentlichten Quellen zeigen den Monarchen als Individuum. Da ist zum einen der Genießer Friedrich, der „Fastfood“ nicht kannte. So ließ er sich noch 1785 eine „kalte Pastete aus Paris“ für 60 Reichstaler liefern, der Käse kommt überwiegend aus der Schweiz und Frankreich. Gutes Essen, edler Wein, wobei die süßen ungarischen Weine überwogen, und spanischer Tabak bestimmten seinen Alltag. Für Dinge, die ihm wichtig und im wahrsten Sinne des Wortes teuer waren wie Kunst und Musik, gab er viel Geld aus.

Und wie verhielt es sich mit seiner bekannten Sparsamkeit?

Obwohl ihm alle Ressourcen des Staates zur Verfügung standen, zeigte er sich bei anderen Sachen eher sparsam, ja knauserig, so zum Beispiel hinsichtlich seiner Kleidung. Auch wenn es sich bei den laut monatlichen Schatullrechnungen erworbenen Kleidungsstücken nicht um einfache handelte, kann man doch die Höhe der Aufwendungen dafür nicht mit den Kosten beispielsweise für Tabak vergleichen. Das ist insofern erstaunlich, weil ein Monarch in seiner Person immer auch sein Reich repräsentierte. Hier setzte er offensichtlich andere Prioritäten. Insgesamt aber vermitteln alle drei Quellen das Bild eines Herrschers, der gut zu wirtschaften verstand und die Materie überblickte. Die persönlichen Ausgaben mussten „in Balance“ zu den Einnahmen stehen. Insofern zeigt sich hier auch ein disziplinierter Mensch.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Weitere Informationen zum Thema unter www.perspectivia.net

Ralf Zimmer, geb. 1967 in Löbau in der Oberlausitz, studierte Geschichte und Germanistik in Potsdam und arbeitet unter anderem für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

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