Kultur : Schmerzhafte Erinnerungen

Die Ausstellung „Flucht in den Westen“ wurde in der Gedenkstätte Lindenstraße eröffnet

Astrid Priebs-Tröger
Sprechende Zellen. Fotos ziehen in die graugrünen Gefängnisräume hinein.
Sprechende Zellen. Fotos ziehen in die graugrünen Gefängnisräume hinein.Foto: A. Klaer

Die heutige ARD-Tagesschausprecherin Susanne Daubner hat es ein halbes Jahr vor dem Mauerfall geschafft: Sie schwamm im Juni 1989 mit ihrem Freund sechs Stunden lang durch einen Grenzfluss zwischen Ungarn und Jugoslawien und gelangte zu Fuß über eine Eisenbahnbrücke in die Freiheit. Die frühere Magdeburger Krankenschwester Eike Radewahn wurde hingegen, als sie 1984 die Donau durchschwimmen wollte, in Rumänien gefasst und bald darauf ins Potsdamer Stasigefängnis Lindenstraße gebracht. Ihre Flucht- und Leidensgeschichte und die von sieben anderen von insgesamt über 2000 Häftlingen, die hier wegen „Republikflucht“ oder Beihilfe zur Flucht inhaftiert waren, ist jetzt in der neuen Ausstellung „Flucht in den Westen“, die am Donnerstagabend mit großer Publikumsresonanz eröffnet wurde, dokumentiert.

Die heute 46-jährige Eike Radewahn war am Donnerstag zum ersten Mal seit ihrer Haftzeit vor 26 Jahren wieder im ehemaligen Gefängnis in der Lindenstraße. Sie stand während der Ausstellungseröffnung in der schmalen Zelle genau vor der Tafel, die mit „dürren“ Worten ihr eigenes dramatisches Schicksal beschreibt: Eike Radewahn wurde sowohl in Rumänien als auch im Potsdamer Stasigefängnis von ihren Bewachern mehrfach vergewaltigt und sie ist damit eine derjenigen Frauen, über deren Leidensweg bisher meist nur andeutungsweise berichtet wurde.

Frau Radewahn hat im vergangenen Jahr die Kraft und den Mut aufgebracht, sich den Fragen der Politikwissenschaftlerin Farina Münch, die zu 40 ehemaligen Gefängnisinsassen Kontakt aufnahm, sehr offen zu stellen. Doch noch jetzt sagt sie, dass sie den Eröffnungsabend als „völlig neben sich stehend“ erlebt. Und sie fürchtet, hier in Potsdam einem ihrer damaligen Peiniger zu begegnen. Die nach außen viel Lebensfreude ausstrahlende Frau beschreibt, dass sie in den vergangenen Jahrzehnten mit vielfachen körperlichen und psychischen Folgen ihrer traumatischen Erlebnisse zu tun hatte und sehr viel Kraft und unzählige Therapien aufwänden musste, um überhaupt ihren ganz normalen Alltag bestreiten zu können. Die beiden Fotos, die die damals 19- bzw. 20-Jährige vor und nach der Haft zeigen, spiegeln das noch eindringlicher als Worte.

Großformatige Fotos von Fluchtfahrzeugen sind auch das erste, was dem Besucher der fünf Zellen im ersten Stock des Hofgebäudes ins Auge fällt. Über die ganze Breite der Zelle, direkt unter den blinden Glasbausteinfenstern, sind zum Beispiel ein Leichtbauflugzeug, ein verunglückter Citroen oder eine „trojanische Kuh“ zu sehen. Diese Fotos ziehen den Betrachter in die graugrünen Zellen hinein und rechts und links an den Wänden finden sich die Schrifttafeln mit den literarisierten Häftlingsberichten, die viele Facetten der Fluchtversuche zwischen 1952 und 1989 abdecken. Nahezu unglaublich die Geschichte des minderjährigen Schlosserlehrlings Thilo Scheibe, der nach gelungener Flucht gegen seinen Willen in die DDR entführt wird, wieder von dort flieht und später wegen abermaliger Rückkehr aus Heimweh und erneuter Festnahme zum zweiten Mal in der Lindenstraße inhaftiert wird.

Sein Fall zeigt auch besonders perfide die „Zusammenarbeit“ der beiden deutschen Staaten, die auch im mittleren Raum der Exposition mit harten Zahlen und Fakten belegt wird. Und: über den Satz „Bis heute ist umstritten, ob der Häftlingsfreikauf als humanitäre Aktion oder als verwerflicher Menschenhandel zu betrachten ist“ wird wie am Eröffnungsabend unter Besuchern geschehen, sicher noch oft und lange diskutiert werden. Da drängten sich viele der Zeitzeugen, unter ihnen auch der ehemalige Westberliner Fluchthelfer Karl-August von Halle in die jetzt „sprechenden Zellen“ und berichteten, dass ihre Inhaftierungen auch viele Jahre später Nachwirkungen hatten. Von Halle enttarnte nach der Wende den Potsdamer Schauspieler Horst Giese, der ihn damals ans Messer geliefert hatte, als Stasi-Spion.

Erinnerung braucht Orte, sagte Sabine Roß von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ohne deren maßgebliche Förderung die neue Ausstellung nicht zustande gekommen wäre. Die acht Fluchtberichte bringen diesen Ort auf sehr bewegende Art und Weise zum Sprechen, sodass man sich auch mehr als zwanzig Jahre nach dem Mauerfall der Wucht des Erzählten kaum entziehen kann. Die gestalterische Umsetzung, die den Ort angemessen einbezieht, lag wieder in den Händen der Potsdamer Agentur freybeuter. Ausführlichere Häftlingsberichte und die dazugehörigen Stasiakten sind in Kürze auch im provisorischen Archiv der Gedenkstätte Lindenstraße 54 einsehbar. Dabei sind die dokumentierten Zeitzeugenberichte von unschätzbarem Wert und unerlässliches Korrektiv zu den Akten der Stasi, wie Farina Münch, die die Gespräche mit viel Einfühlungsvermögen mit den ehemaligen Häftlingen führte, in ihren Dankesworten sagte.

Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Lindenstraße 54/55

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