Kultur : Schatztruhe und Paradies

Mit dem Buch „Die Göttinnen von Potsdam“ auf den Spuren der Geomantie

Gerold Paul
Im Mittelpunkt des Paradieses. Der Obelisk im Park Sanssouci.
Im Mittelpunkt des Paradieses. Der Obelisk im Park Sanssouci.Foto: Andreas Klaer

Bei Lichte betrachtet verpasst der Mensch oft die Hälfte vom Ganzen. Er weiß zum Beispiel, wann und wie ein Bauwerk wie Kirche, Schloss oder Garten errichtet wurde, doch weiß er auch, warum? Weiß er, was er da im Park zu Sanssouci durchwandelt? Schwer genug schon, den berühmten Punkt zwischen „sans“ und „ci“ zu deuten, denn nicht die Weisheit von heute erklärt ja die Rätsel von gestern. Erst wenn man weiß, wie solche Werke im Wortsinn erdacht worden sind, kommt man ihnen auch ein Stück weit auf den Grund. Genau das versuchen Petra Junghähnel und Hartmut Solmsdorf sowie weitere Autoren des Bandes „Die Göttinnen von Potsdam. Geomantie zwischen Havel, Spree und Panke“. Obwohl die Geomantie als „Erdweissagung“ den „ungewissen Künsten“, also schnell der Esoterik zugeordnet wird, erforscht man durch sie Zusammenhänge zwischen verborgenen Erdkräften und dem einvernehmlichen Leben von Stadt, Land und Mensch. Da ist man im siebenhügeligen Potsdam goldrichtig, nicht umsonst trifft man hier auf eine bemerkenswerte Anhäufung sakrosankter Flurnamen wie Heiliger See, Pfingstberg, Sacrow oder Jungfernsee. Die Stadt selbst, so die Autoren, wurde von Anfang an nach geomantischen Prinzipien erbaut. Die Breite Straße war die Urzelle dieses Systems. Auf ihrer Linie liegen nicht nur die drei barocken Kirchenschwestern Heiligengeist, St. Nikolai und Garnisonkirche nebst Stadtschloss – „ein geomantischer Glücksfall für Potsdam“, wie es im Buch heißt –, schnurgerade geht sie weiter nach St. Marien in Brandenburg, von dort nach Jerichow. Ostwärts berührt sie das Berliner Stadtschloss. Und diese alte „Preußenachse“ hat Thomas Gerdesmann schon vor etlichen Jahren nachgewiesen.

Neben dieser Hauptachse konnten die Forscher weitere Haupt-Energielinien im Potsdamer Landschaftstempel identifizieren. Senkrecht zur Breiten Straße zum Beispiel die „Allee gegen Eichberg“ (Pfingstberg), die dritte vom Stadtschloss über St. Nikolai und Französische Kirche bis Cecilienhof. Zusammen bilden sie eine geometrische Grundfigur, über die sich trefflich nachdenken lässt, zumal sie sukzessive mit den im Titel angedeuteten Geistwesen (oder Energiezustände) im Zusammenhang stehen: Auf dem Pfingstberg wohnt die „Weiße Göttin“, zuständig für Entstehen, Ganzheitlichkeit, Jungfräulichkeit, für die Morgenseite. Die „Rote Göttin“ (Lebensfülle, Fruchtbarkeit im Zentrum) hatte ihren Sitz Am Alten Markt. Ort der „Schwarzen Göttin“ war einst der Südwesten Potsdams, doch wechselte sie, die für Heil, Geborgenheit und Abend steht, zur Römerschanze. Nicht schwer, in dieser lebenserhaltenden Dreiheit zugleich die Farben Altdeutschlands zu erkennen.

Auch sonst hielt die Geomantie manche Überraschung für Potsdam bereit. So identifizierten die Autoren mit Hermannswerder Potsdams Yin-Zentrum als „weibliche Vitalkraft“, mit dem Bornstedter Feld das Yang. Auch soll die Landeshauptstadt atmen: „ein“ am südlichen Becken vom Neuen Palais, „aus“ am Babelsberger Goetheplatz. Wer Vergleichbares für Berlin sucht, wird in diesem großen Buch ebenfalls fündig.

All das ist keine esoterische Spökenkiekerei. Man hat ja täglich vor Augen, was Johann Moritz von Nassau-Siegen 1664 in Auftrag gab, nämlich „das gantze Eyland“ zu einem „paradis“ zu machen. Der Mann war nicht nur Berater Ludwig XIV. beim Bau von Versailles, sondern auch Großmeister des Johanniterordens in sechs Ländern, darunter die Mark, und über Kleve eng mit dem Haus Hohenzollern verbunden. Die Johanniter beriefen sich ausdrücklich auf die Templer, ja auf Jerusalem zur Zeit von Jesus. Später ging ihr Werk direkt an die Freimaurer über. Noch Friedrich Wilhelm IV. samt Schinkel und Lenné bauten nach diesem Prinzip. Das mit dem „Eyland“ war ja durchaus ernst gemeint: Mit den Johannitern wusste man sich in der Graalstradition, mit den Freimaurern vor den Pforten oder gar inmitten eines Paradieses, ganz ohne Sorgen. Das gilt auch für andere Parks. In Babelsberg zum Beispiel, wie man in der brillanten Anthologie nachlesen kann. Da soll ausgerechnet der Erbauer von Sanssouci kein Praktikant dieser Kunst gewesen sein? Die ganze Anlage bis zum Neuen Palais ist esoterische Struktur – und keine geringe!

Die hiesige Kulturlandschaft ist demnach nichts anderes als angewandte Freimaurerei, die Parks „Logenwege“ hin zu ihrer Art von Paradies. Ob dies alles nun einer glaubt oder nicht, ist aber egal. Denn die Werke sind da, und für jedermann sicht- und lesbar. Gerold Paul

Petra Junghähnel, Hartmut Solmsdorf (HG.): Die Göttinnen von Potsdam. Geomantie zwischen Havel, Spree und Panke, Drachenverlag 2012, 19,50 Euro

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