SAISONSTART : Die Seele des Hauses

Die Spielzeiteröffnung am Hans Otto Theater wurde am Samstag mit einem quirlig-unterhaltsamen Theaterfest gefeiert

Astrid Priebs-Tröger
Mehr als nur ein Blick hinter die Kulissen. Zahlreiche Einblicke gewährte das Theaterfest am Hans Otto Theater.
Mehr als nur ein Blick hinter die Kulissen. Zahlreiche Einblicke gewährte das Theaterfest am Hans Otto Theater.Foto: Andreas Klaer

„Ausgebucht“ war das erste, was man lesen konnte, als man am frühen Samstagnachmittag zum Theaterfest in und um das Hans Otto Theater kam. Bereits ausgebucht waren die insgesamt fünf „Kleinen Theaterweltreisen“, die über die Hinterbühne, in die Tischlerei und die Deko-Werkstatt, den Malsaal und schließlich in die Kaschierwerkstatt führten. Insgesamt etwa 150 Besucher hatten auf diesen jeweils fast zweistündigen Reisen durch das Innere des Hans Otto Theaters Gelegenheit, die Seele des Hauses, so Intendant Tobias Wellemeyer, und auch Ausschnitte aus aktuellen und zukünftigen Produktionen des Stadttheaters kennenzulernen.

Doch zuerst fielen einem die vielen Kinder vor dem Eingang zum Neuen Theater auf, die gemeinsam mit ihren Müttern oder Vätern eifrig an der zeltüberdachten Tischlerei-Bastelstraße malten und werkelten. Die Theatertischler hatten eine Woche lang anstelle von Dekorationen über 250 Holzfiguren mit und ohne Räder vorbereitet. Die Knirpse bemalten jetzt Schildkröten, Enten, Hubschrauber, Autos und Pferdeköpfe und nagelten unter fachmännischer Aufsicht auch noch Stöcke an letztere. Besser kann man Werbung für handwerkliche Berufe und Bindung zukünftiger Besucher kaum betreiben.

Gegen 15 Uhr setzte sich die erste „Reisegruppe“ – ausgestattet mit gut sichtbarem Schild und Theater(touristen-)führer in Bewegung. Durchs Foyer direkt auf die Hinterbühne des großen Hauses. Auf dieser kurzen Wegstrecke begegneten einem ebenfalls zahlreiche vergnügte Kinder, die geschminkt waren und in barocken Gewändern steckten. Die Masken- und Kostümbildner ließen sich bei ihrer Arbeit vor mehreren Spiegeln von ihnen über die Schulter schauen. Am ersten Reiseziel wurde das Prinzip des Programms deutlich. Die Besucher erfuhren kurz und knapp, was an diesem Ort im Alltagbetrieb geschieht. Unmittelbar danach wurden sie – manchmal etwas hastig und akustisch nicht immer optimal – in die dann folgenden Stückszenen eingeführt.

Danach spielten oder lasen Schauspieler zumeist vom Blatt eine Szene. Prinzip war, dass die beiden Szenen aus unterschiedlichen Stücken, die jeweils am selben Ort gespielt wurden, möglichst verschiedenen Zeitepochen angehörten, vor allem wenn die Thematik ähnlich schien. Die Stückpräsentation umfasste unter anderem Shakespeares „Wintermärchen“, als auch die britische Komödie „Außer Kontrolle“ und Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“. Letzteres wurde in der Tischlerei direkt im Anschluss an „Minna von Barnhelm“ gegeben und erntete ob der pointiert-bissigen Aussagen zu moderner Kindererziehung und konkurrierender Elternschaft die meisten Lacher. Auch die Lesung aus „Wellen“ von Eduard von Keyserling machte Appetit auf mehr.

Auf dem Weg zu Werkstatt- und Spiel-Stationen bestieg man einen umzugswagengroßen Fahrstuhl, in dem über 100 Personen Platz gehabt hätten, kam an der Wäscherei mit einem Dutzend Waschmaschinen vorbei und lernte auch die Arbeitsplätze der Ausstattungsassistenten und der Theaterplastikerin kennen. Deren Wirkungsbereich wirkte nicht so aufgeräumt wie die anderen und die vielen Tier- und Menschenplastiken, zahlreiche Köpfe und Masken verliehen ihrem Raum das kreative Etwas, das ein Theater ausmacht. Gerade hier hätte man sich noch mehr Zeit und ein wenig Besinnung gewünscht, um die besondere Atmosphäre nachwirken zu lassen.

Aber der nachmittägliche Zeitplan war eng gestrickt. Aus den Eingeweiden des Theaters gelangte man wieder in den Zuschauerraum, dort zeigten die Ton-, Licht- und Bühnentechniker ihr Können. Aus anfänglichen Nebelschwaden entwickelte sich ein Tageslauf mit menschlichen und maschinellen Geräuschen, mit Vogelgezwitscher und anschließendem heftigem Gewitter, um dann in einer Disco zu enden. Auch hier viel Applaus für die Demonstration des Gesamtkunstwerkes Theater, das aus so viel verschiedenen Einzelteilen besteht und in seiner Handwerklich- und Kunstfertigkeit und insbesondere den überschaubaren Maßen – alles entsteht unter einem Dach – ein großes Stück Sinnlich- und Menschlichkeit bewahrt.

Als man später das entspannte Gewimmel an den Seeterrassen sah, kamen einem Goethes berühmte Worte aus dem „Osterspaziergang“ in den Sinn. Jung und Alt ließen es sich bei herrlichem Spätsommerwetter und Musik und Liedern mit Schauspielern des Ensembles einfach nur gut gehen. Vielleicht tankten einige von ihnen auch Kraft für die nächste Runde, die ab 18 Uhr begann, und an den schon vorgestellten Theaterorten sowohl Lesungen als auch Tanzaufführungen beziehungsweise Anmeldungen für den Jugendklub des Theaters bot. Und wer die Einzelteile wieder zusammenfügen und „Theater über das Theater“ erleben wollte, war am Abend im „Nackten Wahnsinn“ von Michael Frayn bestens aufgehoben. Astrid Priebs-Tröger

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