• Saisoneröffnung im Nikolaisaal: 3G mit Gänsehauteffekt

Saisoneröffnung im Nikolaisaal : 3G mit Gänsehauteffekt

Analoge Saisoneröffnung nach zehn Monaten coronabedingter Stille: Der Nikolaisaal setzte mit Filmorchester und Max Mutzke auf eine sichere Bank - und auf die Tradition des Straßenfestes.

Oliver Dietrich
Max Mutzke und das Filmorchester Babelsberg zur Saisoneröffnung im Nikolaisaal.
Max Mutzke und das Filmorchester Babelsberg zur Saisoneröffnung im Nikolaisaal.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Potsdam - Es fühlte sich fast unwirklich an: Saisoneröffnung im Nikolaisaal mit angeschlossenem Straßenfest. Und doch gab es genau das am Freitagabend, und es gab auch wieder diesen fast vergessenen Gänsehauteffekt. Für den Nikolaisaal im Herzen der Innenstadt ist es das erste Live-Konzert im Saal nach zehn Monaten, und das Straßenfest eine liebe gewonnene Tradition. 

Die Möglichkeit diese Tradition wieder aufflammen zu lassen bedeutet einen gewissen Aufwand: 3G (geimpft, getestet oder genesen) und Registrierung am Einlass zur Wilhelm-Staab-Straße, dazu Abstand, Maske im Innenbereich - es herrscht eben doch noch nicht wieder Normalbetrieb. 

Live Musik, lau-trockener Abend,  lange nicht gesehene Menschen

Dafür wurde man trefflich belohnt mit live Musik, lange nicht gesehenen Menschen und einem lau-trockenen Abend, der einem Sommerevent mehr als nur gerecht wurde. Manche ließen dafür sogar das vermeintlich größere immerhin Ereignis verfallen: „Ich hatte eine der wenigen Jan-Delay-Karten für das Konzert heute in der Rennbahn Hoppegarten ergattert“, erzählt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle zur Eröffnung – und es ist schwer zu sagen, ob sich das Gros der eher älteren Besucher dieses Komplimentes überhaupt bewusst war. 

Programmatisch wurde für den Abend im Nikolaisaal gleich eine sichere Bank aufgefahren: Max Mutzke ist nicht zum ersten Mal da, das Konzert natürlich auch zuverlässig ausverkauft. Und: In Begleitung durch das Filmorchester Babelsberg unter dem Leiter, Tausendsassa und Arrangeur Mihalj Kekenj, der mit faszinierend jugendlicher Freude durch das Programm dirigierte und sich als Max-Mutzke-Sidekick zur Verfügung stellte. Zugegeben, das wie immer grandiose Filmorchester Babelsberg könnte auch Mickie Krause oder Edmund Stoiber begleiten, es wäre immer noch ein Erlebnis.

Straßenfest zur Saisoneröffnung am Nikolaisaal in der Wilhelm-Staab-Straße.
Straßenfest zur Saisoneröffnung am Nikolaisaal in der Wilhelm-Staab-Straße.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Max Mutzke: Was für eine Stimme!

Max Mutzke – der von Stefan Raab produzierte Eurovision-Song-Contest Teilnehmer von 2004, der damals immerhin auf Platz acht landete, das darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben – trat mit leger-schwarzem Hemd, schwarzem Hut über der putzigen Mittvierzigerplatte und schwarzen Hosen auf die Bühne, die in knallweißen Sneakers mündeten, in denen knallrote Socken steckten. Und wow, was für eine Stimme! Markant, umfangreich, dazu dieses sonore Timbre. 

Mehr war es aber auch nicht: Eine gewisse lyrische Tiefe hätte das Konzert perfektioniert, Mutzke aber schwamm poetisch eher im Flachwasser. Personalpronomen – ich, du, wir – wurden mit Substantiven – Liebe, Leben, Herz – zu eher durchschaubaren Texten gewürfelt, denen er das Sujet des ungetrübten Liebesglücks als ewigen Imperativ einpflanzte. 

Highlights waren die Coversongs

Dieses unfassbare private Glück, das er immer wieder zitiert und in seinem diesen Herbst erscheinenden Album „Wunschlos süchtig“ manifestiert hat, ist ihm zu gönnen, keine Frage. Aber die Highlights waren dann doch die Coversongs: das unkaputtbare „Creep“ von Radiohead etwa, oder die Orchesterversion von James Browns „This is a Man’s World“. Der ESC-Song „Can’t wait until tonight“ wurde dagegen als zur Zugabe degradiert. Schade eigentlich.

Viel besser – und vor allem ergreifender - machten das im Anschluss die Berliner Make a Move, die mit heftig-gut ausgearbeiteten Funk-Rhythmen und durchdachten Lyrics die Wilhelm-Staab-Straße schienbeinabwärts leicht beben ließen. Wenn die Band danach noch als Geheimtipp gilt: ein wahrer Glücksfall. Im Chill-out-Bereich dann zwischendurch das Trio Scho, das mit selbstgebrannten Liedern und russischer Seele einen eurasischen Chansonabend aufführte. Na zdrowje! Wie sehr diese Abende doch vermisst wurden. So kann es weitergehen.

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