• Rundumschlag durch die Musikgeschichte: „Mutantenstadl“ im Archiv als Pop-Fundgrube

Rundumschlag durch die Musikgeschichte : „Mutantenstadl“ im Archiv als Pop-Fundgrube

Wer wollte oder sich traute, der konnte am Samstag beim „Mutantenstadl“ im Archiv ganz tief in die Geschichte des Pops eintauchen - manchmal kaum zu ertragen, aber auch immer mit ganz viel Herzblut. Ein toller Abend!

Oliver Dietrich
Im Archiv in der Leipziger Straße fand am Samstag der "Mutantenstadl" statt.
Im Archiv in der Leipziger Straße fand am Samstag der "Mutantenstadl" statt.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Erinnert sich noch jemand an die „Mini Playback Show“, zu der in der Blütezeit des Privatfernsehens von einer holländischen Moderatorin Kinder animiert wurden, ihren Popstars nachzueifern und sich selbst auf der Bühne zu Playback in mehr oder minder peinliche Epigonen zu verwandeln? Traumatisch geradezu für alle Beteiligten, und dieses popmusikalische Trauma wirkt noch lange nach.

Anders ist es nicht zu erklären, dass sich Jahrzehnte später genau diese Generation zum kollektiven Zelebrieren des schlechten Geschmacks auf eine Bühne begibt. In Potsdams alternativer Kulturlocation „Archiv“ ist genau das passiert: Am Samstagabend kamen zum „Mutantenstadl“ unter dem aussagekräftigen Untertitel „Germany’s Next Poptrottel“ zahlreiche musikalische Acts als Kopien zusammen, die größtenteils besser in der Versenkung verschwunden geblieben wären. Allerdings wäre das auch wieder schade gewesen – denn Popmusik als identitätsstiftendes Merkmal hat diese Funktion schon sehr lange hinter sich gelassen, und so konnte lediglich die Erinnerung daran zu einem derart hedonistischen Spektakel führen.

Ein Musical quasi, ein Rundumschlag durch die Musikgeschichte – und das gänzlich unprofessionell: Teilnehmen konnte jeder, der sich rechtzeitig angemeldet hatte. Moderiert wurde dieser Kessel Buntes von Maria und Margot Hellwig, freilich nicht die echten, sondern als Drag-Queen-Nummer ohne gleichen. Das Konzept ist klar: Je trashiger die Idee, desto mehr Applaus. Schon der Opener, in dem ein stadtbekanntes Babelsberger Geschwisterpaar den Roxette-Straßenfeger „How do you do“ verhunzte, schlug dementsprechend ein. Mit viel Mut zur Hässlichkeit, aber schlimmer geht immer. Erstaunlich, wie viele Besucher bei Karel Gott textfest sind, oder bei Tiefpunkten der Popgeschichte wie Britney Spears.

Manche lehnten sich sogar ganz weit aus dem Fenster: Ina Deter etwa sang „Neue Männer braucht das Land“ gleich live, eine Stimmung wie bei Rudi Carrell. Und da das Archiv nicht irgendeine Lokalität der E-Musik ist, gab es Überraschungen, die kein Zugezogener jemals erkannt hätte: etwa die Reunion der Proll-Punk-Legende Babelsberg Pöbelz, in Originalbesetzung, die sich Die Toten Hosen vorknöpften. Als wären sie nie gealtert! Aus der peinlichen Fundgrube der 80er- und 90er-Jahre gab es jedoch noch mehr, Prince oder Milli Vanilli. Udo Lindenberg geisterte über die Bühne, Lehrerinnen gaben sich als Bonnie Tyler aus, es wurde immer schlimmer.

Irgendwann wurde einfach alles runterradiert, sogar Offspring und die Sisters of Mercy – und alles mit Herzblut gigantisch durchchoreografiert. Als Hildegard Knef sich wünschte, dass es rote Rosen regne, flossen bei einigen ganz sicher die Tränen. Was für ein Abend!