Kultur : Rundum Wohlfühlglück

Premiere: Laura Heinecke & Company erfahren in „Glück°sGrad“ gemeinsame Glücksmomente

Astrid Priebs-Tröger
Zeigt her eure Schuhe. Laura Heinecke, Katharina Wunderlich und Miranda Markgraf (v.l.) in ihrem Stück „Glück° sGrad“.
Zeigt her eure Schuhe. Laura Heinecke, Katharina Wunderlich und Miranda Markgraf (v.l.) in ihrem Stück „Glück° sGrad“.Foto: fabrik

Kontraste sind gut. Im Leben wie in der Kunst. Nur leider sind sie – außer im schwarz-weißen Bühnenbild – in der neuen Tanzproduktion „Glück°sGrad“ von Laura Heinecke kaum zu spüren. Und das ist erstaunlich eindimensional bei einem so vielschichtigen Thema wie Glück, mit dem sich die Philosophen seit Menschengedenken auseinandersetzen.

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid benennt in seinem 2007 erschienenen Buch „Glück“ drei Glücksarten: Zufallsglück, Wohlfühlglück und Glück der Fülle. Letzteres beschreibt einen Zustand, der auch die Kontrasterfahrung der Verzweiflung nicht ausschließt, der also Licht und Schatten des menschlichen Lebens als Ganzes umfasst. Davon ist die am Samstag in der fabrik gezeigte Premiere von „Glück°sGrad“ jedoch weit entfernt.

Drei junge Frauen (Laura Heinecke, Miranda Markgraf und Katharina Wunderlich), etwa alle im gleichen Alter, von ähnlich schlanker Statur, mit denselben Frisuren, in den langen Haaren bestreiten diesen knapp einstündigen Abend. Sie kommen in farbigen Shirts und kontrastierenden Hosen auf die weiße Bühne, auf der elf gleich große flache Holzkisten verteilt sind. Der schönste Anfangsmoment ist der, in dem man wahrnimmt, dass eine der Tänzerinnen schwanger ist. Was für ein Glück!

Zu Beginn befindet sich jede von ihnen ganz in ihrem eigenen (Tanz-)Kosmos und die drehenden Bewegungen um die eigene Achse zeigen einen persönlichen Glücksmoment. Der steigert sich beim Zuschauen, wenn jeweils zwei in Interaktion treten und schließlich alle drei beginnen, die auf dem Boden liegenden hellen Kisten wie bei einem Puzzle auseinander- oder zusammenzuschieben – und unter drei der Kisten diverse, sehr unterschiedliche Schuhpaare zum Vorschein kommen.

Schuhe und Frauen sind ja ein wohlbekanntes Bild für ein momentanes Glücksgefühl und so ist es auch hier nett anzusehen, wie die Tänzerinnen in den ganz unterschiedlichen Teilchen – High Heels, Turnschuhe, Cowboystiefel oder Hauspantöffelchen – verschiedene Rollen und dazugehörige Lebensgefühle ausprobieren. Sogenanntes Wohlfühlglück entsteht auch, wenn sie sich etwas später in den zu Liegestühlen umfunktionierten Holzkisten in der Sonne räkeln.

Aber nach diesen schön anzuschauenden Bildsequenzen fragt man sich, ob und was noch kommt. Gibt es eine Steigerung? Wodurch lässt sich der (persönliche) Glücksgrad erhöhen? Ein Punkt, an dem das passiert, ist die Szene, in der Laura Heinecke und Miranda Markgraf sich jeweils einen Schuh eines zusammengehörigen Paares anziehen und versuchen, sich damit gemeinsam und synchron zu bewegen. Hier wird Achtsamkeit und Verbindung spürbar und als Zuschauer erlebt man eine besondere Konzentration. Doch die kurz darauf angedeutete Konkurrenzsituation bleibt leider viel zu fragmentarisch. Hier wäre die Möglichkeit gewesen, die andere (dunkle) Seite des Glücks zuzulassen und so zur Fülle zu gelangen (Dramaturgie und Bühne: Heide Schollähn).

Stattdessen werden kurz darauf wieder die Kisten bewegt, auseinander- und zusammengesetzt und Computer-Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen (Videokomposition: Marion Tränkle) flimmern als Projektion über die gesamte Bühne. Auf der dann ab und zu das Wort Glück auszumachen ist und im letzten Teil des Abends auf zwei Holzkisten auch die Worte einsam und gemeinsam. Das ergibt zwar eine ansprechende ästhetische Oberfläche, dringt jedoch zu wenig in die Tiefe. Und wer Laura Heineckes frühere Arbeiten wie „Invisible Roads“ oder „Calling“ kennt, fragt sich auch, wo ihre poetische Intensität in dieser Inszenierung geblieben ist.

Die Choreografin und ihre Company haben sich acht Wochen intensiv mit dem Thema Glücksempfinden auf der Grundlage ihrer Biografien und ihrer persönlichen Erfahrungen gewidmet. Im Programmflyer schreiben sie dazu: „Jeder von uns hat seinen eigenen ,Glück°sGrad’. Eine Grundvoraussetzung scheint darin zu liegen, sich in einem gleichgesinnten und sinnstärkenden Umfeld zu bewegen. Eine gemeinsame Erfahrung des Glücks ist nur jenen vergönnt, die das Leben in der gleichen Frequenz empfinden. Der „Glück°sGrad“ des Einen kann beim Anderen Neid oder Abneigung hervorrufen. … Nichts ist schöner, als in seinen Qualitäten gefordert zu sein.“

Dieses Statement zeigt, dass es gar nicht die Absicht gab, etwas allgemeingültig Verdichtetes zum Thema Glück zu erfinden und so kann man diese Inszenierung hauptsächlich als Selbsterfahrung der von Soziologen sogenannten Generation Y, der heute 30-Jährigen lesen, die sich (noch) im Zufalls- und Wohlfühlglücksmodus erfahren und erst im Laufe ihres Lebens das Glück der Fülle schätzen lernen werden. Das ist gut so und es ist auch ein Glück, dass sie den künstlerischen Raum dafür bekommen.

Was häufig gemeint ist, wenn nach Glück gefragt wird, schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid, ist eigentlich Sinn. Und den haben die drei jungen Frauen, daran ist kein Zweifel, zumindest in der Gegenwart, im Tanzen gefunden.

Die nächsten Vorstellungen von „Glück°sGrad“ finden am 17. und 18. Oktober um 20 Uhr und am 19. Oktober um 16 Uhr in der fabrik statt.

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