• "Romeo und Julia" in Potsdam: Dunkle Energie

"Romeo und Julia" in Potsdam : Dunkle Energie

Das Poetenpack bringt in seinem 20. Jubiläumsjahr „Romeo und Julia“ auf die Bühne. Dabei hatte die Theatertruppe lange Zeit Angst vor der dunklen Seite des Stücks.

Das Poetenpack Potsdam probt für "Romeo und Julia" im Heckentheater.
Das Poetenpack Potsdam probt für "Romeo und Julia" im Heckentheater.Foto: Heidi Jäger

Potsdam - Mit Fellkragen, Stola und Soutane schwitzen sie sich durch die Probe im sonnengetränkten Heckentheater. Trotz der 40 Grad entfachen die neun Schauspieler des Poetenpacks mit feurigem Eifer ihr Spiel um Liebe, Träume und Schwüre. Doch diese Liebe droht in der Feindschaft zweier Familienclans zu ersticken: in dem Krieg der Montagues und Capulets. Der Ruf von Bruder Lorenzo: „Löscht das Feuer Eurer ungesunden Wut“ verhallt ungehört.

Das Poetenpack krönt sein 20-jähriges Bestehen mit der wohl berühmtesten Liebesgeschichte der Weltliteratur: mit Shakespeares „Romeo und Julia“, das am 4. Juli Premiere hat. Zu diesem Sommertheater der großen Leidenschaft brauchte es einen langen Anlauf. Schauspieler, Regisseur  und Theaterleiter Andraes Hueck, der die freie Bühne einst gründete, hatte Angst vor der dunklen Energie dieses Stücks, das im Chaos endet. „Dieses Dunkle könnte auch das Ensemble übermannen, wenn es nicht gut auf sich aufzupassen versteht.“ Hueck erinnert sich an einen Kollegen, der sich aus Liebeskummer das Leben nahm. Er weiß als Theaterchef um seine Verantwortung. Inzwischen kann Andreas Hueck aber auf ein Ensemble bauen, dem er dieses Stück zutraut, „auf ein Ensemble, das in sich schwingt“.

Von Pippi zu Julia

Zu den leidenschaftlichen Spielern dieser Gruppe gehört Julia Borgmeier, die eben erst als kraftstrotzende „Pippi auf den sieben Meeren“ die Seeräuber in die Flucht schlug. Nun darf sich die 29-Jährige, die bis 2014 im Michael Tschechow Studio Berlin Schauspiel studierte, als Julia den Herzensstürmen aussetzen: in ihrer vierten Poetenpack-Produktion. Sie mochte Shakespeare schon zu Schulzeiten, verzichtete aber bewusst darauf, sich noch einmal durch Verfilmungen oder zusätzliche Literatur Anregungen zu holen. „Ich habe ganz viel nicht getan, um meinen eigenen, einen neuen Zugang zu finden.“ 

Vor allem diese unheimliche Ambivalenz habe sie an dem Stück gereizt. „Die habe ich vorher nie so gesehen. Julia verspürt den großen Wunsch, sich ihren Eltern zu öffnen, ihnen von ihrer Liebe zu erzählen. Und doch schreckt sie davor zurück. Sie will den Eltern gefallen, verliebt sich jedoch in den Falschesten, in den sie sich verlieben kann. So banal es klingt, aber in dem Stück geht es vor allem um Kommunikation. Wie wir miteinander reden.“

Julia Borgmeier und André Kudella spielen Julia und deren Vater.
Julia Borgmeier und André Kudella spielen Julia und deren Vater.Foto: Heidi Jäger

Von der Figur durchdrungen

Nach vier Wochen „Tischproben“, in denen die Schauspieler den Text erstmal in sich aufnahmen, musste Julia Borgmeier einfach mit dem Spielen loslegen: eine Form finden. „Inzwischen ist mein Körper von der Figur bewegt, von ihr durchdrungen.“ André Kudella, der Julias Vater spielt, findet ebenfalls diese Ambivalenz besonders spannend. „Es geht um Feindschaft und keiner weiß, warum es sie überhaupt gibt. Der Vater liebt seine Tochter abgöttisch, aber er muss auch die Kontrolle wahren. Es gibt Situationen, wo sich Julia öffnen könnte. Aber sie tut es nicht, und der Zufall macht alles gnadenlos. Es muss erst das Äußerste geschehen, um das Kriegsbeil zu begraben“, sagt Kudella nach Probenende. Den dunklen strengen Anzug des Familienoberhaupts kann er endlich ablegen.

Er spielt bereits seit sieben Jahren beim Poetenpack. Immer mal wieder, so wie es die Aufträge an verschiedenen freien Theatern ermöglichen. Er schätzt dieses kreative Miteinander des Poetenpacks, „wo es kein Neid, keine Hierarchie gibt und wo auch das Familiäre der Spieler mit berücksichtigt wird“. Der Schauspieler (Jahrgang 1966) hatte nach seinem Studium am Mozarteum Salzburg bereits Engagements am Berliner Ensemble, im Hebbel am Ufer und am Theater des Westens Berlin. Im September ist er auch in Tschechows „Onkel Wanja“ als Arzt Astrow zu sehen: im Museumsgarten Alexandrowka.

Poetenpack stärker in Potsdam konzentrieren

Andreas Hueck weiß aus eigener Erfahrung, dass sich Tourneetheater und Familie nicht immer gut Freund sind. Deshalb möchte er künftig das Poetenpack stärker auf Potsdam konzentrieren. Das spielt bislang open-air im Hecktheater und im Q-Hof und in den kühlen Monaten im T-Werk und seit diesem Jahr auch in der Zimmerbühne. Die nächste Adresse ist bereits in Sicht. Wenn am Jahresende ihr Vertrag mit dem Yachthafen ausläuft, steht die Theatertruppe aber erstmal mit Sack und Pack von 29 Produktionen auf der Straße. Derzeit hat sie dort 300 Quadratmeter für Werkstatt, Lager, Fundus, Probenraum. 

Doch nach einem Grundstückstausch zwischen Stadt und Stiftung Schlösser und Gärten müssen sie räumen. Das Theater hofft auf eine Zwischenlösung. Denn für Herbst 2020 bahnt sich schon die Waldstadt-Bühne an. Die Waldorfschule plant eine Turnhalle und einen Theaterneubau und den könnte das Poetenpack mit füllen. „Dafür brauchen wir aber auch mehr Zuschüsse.“ Die Anträge laufen. Von der Stadt möchte die Theatergruppe künftig statt 50 000 Euro 150 000 Euro und vom Land statt 20 000 künftig 90 000 Euro. Im Gegenzug bietet das Poetenpack „Theater als Erfahrungsraum“. 

Theater als Erfahrungsraum

„Nathan der Weise“ war ihr Pilotprojekt, als sie in der Französischen Kirche Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund in die Produktion einbezogen hatten. Auch in „Mein Kampf“ sowie „Biedermeier und Brandstifter“ spielten Jugendliche mit. Nun könnte dieses Konzept auch auf die Waldstadt übergreifen. Zudem ist eine Kooperation mit dem Brandenburger Theater in Vorbereitung. 

Jetzt gilt es aber erstmal, das Jubiläumsjahr durchzustehen: mit sechs Premieren und zehn weiteren Stücken aus dem Repertoire. Ab kommenden Donnerstag erzählt das Poetenpack von der Heftigkeit der Liebe, die am stärksten zum Strahlen kommt, wenn ihr große Hürden entgegenstehen: von der jahrhundertealten und immer wieder neuen Liebe Romeos und Julias. 

>>Premiere am Donnerstag, 4. Juli, 19. 30 Uhr, Heckentheater am Neuen Palais, Tickets unter www.theater-poetenpack.de