Kultur : Ringen um Ringparabel

Das Theater Poetenpack will „Nathan der Weise“ aufführen. Das geht nur mit Hilfe vieler Bürger

In Warteposition. Clara Schoeller soll Recha, Teo Vadersen Nathan spielen.
In Warteposition. Clara Schoeller soll Recha, Teo Vadersen Nathan spielen.Foto: A. Klaer

Es ist 330 Jahre her, dass der Große Kurfürst das Edikt von Potsdam, auch Potsdamer Toleranzedikt genannt, erließ. Damit bot er den in Frankreich wegen ihrer Religion verfolgten Hugenotten Unterstützung, Hilfe – und eine neue Heimat in Preußen an. 20 000 Flüchtlinge nahmen das Angebot an und verhalfen Berlin und Potsdam damals zu einem unverhofften Aufschwung. 2008 wurde der historische Text neu aufgelegt, zehn Thesen befassen sich mit dem Zusammenleben von Alt- und Neu-Potsdamern und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.

Nun will das freie Theater Poetenpack an diese gedankliche Tradition der Toleranz anknüpfen. Im Herbst soll das Theaterstück „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, 1779 veröffentlicht und am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführt, in Potsdam auf die Bühne gebracht werden. Das Stück – unter den Nazis verboten, weil der Hauptprotagonist, ein weiser alter Jude, nicht zur Naziideologie passte – gehört längst wieder in jeden guten Lehrplan. Menschen der drei großen Weltreligionen, Christen, Juden, Muslime, treffen hier aufeinander und stellen im Verlauf des Stückes fest, dass sie mehr verbindet als trennt. Herzstück des Dramas ist die Ringparabel: Ein kostbarer Ring, der seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ macht, sofern der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt, wird stets von Vater zu Sohn weitergegeben. Als ein Vater nun drei Söhne hat und sich nicht entscheiden kann und will, lässt er Duplikate anfertigen. Und verteilt die Ringe in einem Doppel-Blind-Verfahren.

„Das Thema, die Botschaft, passt so sehr in unsere Zeit und nach Potsdam mit seiner Historie als tolerante Stadt“, sagte Andreas Hueck, Vereinsvorsitzender des Theaters Poetenpack, am gestrigen Mittwoch bei einer Pressekonferenz, bei der die Pläne für das Stück vorgestellt wurden. Doch noch ist überhaupt nicht klar, ob alles tatsächlich umgesetzt werden kann. Für das Stück, die dritte Neuinszenierung in diesem Jahr neben einer Sommerkomödie und einem Kinderstück, gibt es keine Finanzierung.

Nun will der Theaterverein über ein Crowdfundingverfahren, eine Art Gemeinschaftsfinanzierung, die benötigten 90 000 Euro zu sammeln. Wer das Projekt unterstützen will, spendet eine kleinere oder größere Summe. Die wird jedoch erst dann abberufen, wenn das gesamte Budget zusammengekommen ist und das Stück tatsächlich stattfindet. Ansonsten geht das Geld zurück an die Spender. Bisher wurden achtmal je 1000 Euro gespendet, unter anderem von Harald Dieckmann vom Salon e.V. Potsdam und dem Unternehmer Wolfhard Kirsch. Auch kleinere Spenden in Höhe von je 100 Euro gingen ein. Offiziell startet das Crowdfunding am 1. Juni. Bis Ende Juli muss die Summe zusammen sein, dann müssen die Proben beginnen. Am 29. Oktober, auf den Tag genau das Datum, an dem das Potsdamer Toleranzedikt ausgerufen wurde, soll die Premiere sein.

Zuvor sind die Potsdamer am Zug. „Wir hoffen auf ein breites bürgerschaftliches Engagement, ein Bekenntnis“, sagte Hueck. „Das ist eine Möglichkeit, nicht nur Sonntagsreden zu halten, sondern sich tatkräftig für ein tolerantes Miteinander einzusetzen“, sagte Daniel Wetzel vom Verein Neues Potsdamer Toleranzedikt. Der Verein unterstützt das Theaterprojekt, ebenso wie die städtische Servicestelle Tolerantes und Sicheres Potsdam, die aus ihrem Budget 2000 Euro spendet. Oberbürgermeister Jann Jakobs ist Schirmherr, die Französisch-Reformierte Gemeinde stellt ihre Kirche – das älteste erhaltene Gotteshaus im Stadtzentrum – als Aufführungsort zur Verfügung. Zehn Abendvorstellungen sind geplant, vormittags fünf zusätzliche für Schülergruppen. Jugendliche verschiedener religiöser Orientierung sollen bei der Stückentwicklung mitwirken. Steffi Pyanoe

Kontakt für Unterstützer unter www.poetenpack.net und www.potsdamer-toleranzedikt.de