• Buch über die letzten Jahre der DDR

Revolution in Potsdam : Wachsamkeit auf ganzer Linie

Ein Buch des Historikers Rainer Eckert beleuchtet die letzten Jahre der DDR in Potsdam. Das Werk widmet sich auch den zahlreichen Oppositionsgruppen in Potsdam.

An Potsdams Brandenburger Tor. Zehntausend Menschen treffen sich am 4. November 1989 zur Demonstration.
An Potsdams Brandenburger Tor. Zehntausend Menschen treffen sich am 4. November 1989 zur Demonstration.Foto: Bernd Blumrich

Schon die Sprache klingt heute seltsam. Da ist vom „ideologischen Offensivgeist“ die Rede, auch von „einer volksumfassenden Volksaussprache“. Und „das mündliche Ideologiefeuer“ müsse aus der gegebenen „Kampfpositionshöhe noch massiver“ werden.

Den Akten zufolge hat diese sozialistisch gedrechselten Worte einst Günther Jahn, Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam, zum Besten gegeben. Heute ist dies nachzulesen in dem Buch „Revolution in Potsdam“ von Rainer Eckert. Das Werk erschien bereits im vergangenen Jahr und blieb damit ein wenig im Schatten des etwa zur selben Zeit von Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß herausgebrachten Sammelbandes „Im Riss zweier Epochen“, in dem das Potsdam der 1980er und frühen 1990er Jahre betrachtet wird.

Sehr auf Details bedacht

In seinem Buch „Revolution in Potsdam“ legt Eckert den Fokus auf die allerletzten Jahre der DDR, jenem Staat, dem heute vor 29 Jahren mit dem Mauerfall gleichsam der Stöpsel gezogen wurde. Der Jahrestag dieses Ereignisses mag Anlass genug sein, genauer auf Eckerts Potsdam-Buch zu schauen. Der Historiker widmet sich in seinem sehr auf Details bedachten Werk den zahlreichen Oppositionsgruppen in Potsdam und beschreibt anhand der Quellen auch ausführlich, wie die bis zum November 1989 fast – aber eben nur fast – allmächtige Staatspartei SED sowie auch die Stasi die politische Stimmung in der Bevölkerung einschätzten. So stellte die Potsdamer Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im April 1989 fest, dass die „feindlich-negativen Aktivitäten“ größer seien als vermutet, schreibt Eckert.

Und die Stasi habe sich zu dieser Zeit sogar um die Zuverlässigkeit in den eigenen Reihen gesorgt. Man dürfe keinen Qualitätsverlust bei der Überwachung der Bevölkerung zulassen, schrieb die Bezirksverwaltung des MfS im April 1989. Auch sei zu verhindern, dass sich einzelne Stasi- mitarbeiter der „Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit“ entziehen könnten. Wachsamkeit auf ganzer Linie war also die Devise der Stasi und konnte doch nicht verhindern, dass der Sozialismus, dessen Lauf laut Honecker bekanntlich weder Ochs noch Esel hätten aufhalten sollen, dennoch bald darniederlag.

Ein Blick auf die oppositionellen Kreise

Die Befreiung der Bevölkerung vom Joch des – wie es oft hieß – real existierenden Sozialismus war maßgeblich ein Verdienst der Opposition, die sich an vielen Orten in der DDR langsam entfalten konnte, nachdem abzusehen war, dass die Sowjets, anders als beim Volksaufstand 1953 oder beim Prager Frühling 1968, nicht mehr die Panzer auffahren lassen würden.

Detailreich beschreibt Eckert die vielen kleinen oppositionellen Kreise in der damaligen Bezirkshauptstadt Potsdam. In Babelsberg trifft sich schon ab 1983 regelmäßig unter dem Dach der Kirche ein Kreis von oppositionell eingestellten Menschen. 

Das Neue Forum formiert sich

In der Babelsberger Friedrichskirchengemeinde gründete sich 1988 die Gruppe „Kontakte“. Bereits drei Jahre zuvor, im April 1985, wurde der Friedenskreis des Kirchenkreises Potsdam ins Leben gerufen. Für die Stasi waren die beiden Physiker Helmut Domke und Rudolf Tschäpe die „exponiertesten Kräfte“ dieses Kreises. Sie hätten eine „Haltung im Sinne einer feindlich-negativen Konzeption“, zitiert Eckert die Stasi. Tschäpe gehörte genau wie der Potsdamer Physiker Reinhard Meinel zu den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufs des Neuen Forums im September 1989. Diese oppositionelle Plattform etablierte sich binnen kurzer Zeit auch in Potsdam.

So reich an Details und Fußnoten Historiker Eckert diese spannende Zeit am Ende der DDR beschreibt, wünscht man sich bisweilen ein wenig mehr Einordnung und Wichtung. Während das Buch „Im Riss zweier Epochen“ diesen Spagat zwischen Darstellung und Analyse schafft, beschränkt sich Eckert mehr auf die umfassende Darlegung der Fakten. Und das ist ja auch nicht schlecht für all jene, die sich selbst ein Bild machen wollen von dieser Zeit.
 

Rainer Eckert:
Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit (1989/1990). Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 2017, 456 Seiten, gebunden 25 Euro