Kultur : Rap und Romantik

Eddie Irle spielt in Schnitzlers „Das weite Land“ den Fähnrich Otto von Aigner / Morgen ist am Hans Otto Theater Premiere

Heidi JägerD

Seine Hosen hängen schon lange nicht mehr in den Kniekehlen. Doch die Coolness des Rappers schwingt noch in fast jeder Rolle mit. In der Kantine sitzt kurz vor der Probe nun ein ganz anderer Eddie Irle: geschniegelt und gebügelt, mit eng geschnürter schwarzer Krawatte. Der Schauspieler wird als Fähnrich Otto von Aigner in Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ eine unbekannte Seite von sich zeigen: den Romantiker, der an die große Liebe glaubt.

Eddie Irle fand für sich eine ganz persönliche Lesart dieses Ottos, der der dekadenten modernen Welt entfliehen will und sich ein Märchenschloss erträumt. Der Schauspieler malte sich die Kindheit seiner Figur aus und sah den kleinen Otto an der Seite einer extravaganten aufgeklärten Mutter, die als Schauspielerin in großer Gesellschaft verkehrte. Doch der vaterlos aufgewachsene Junge sehnte sich nach Sicherheit und Familie. „Vielleicht versuchte er deshalb, seine Weichheit abzulegen und wählte die strenge Karriere als Soldat.“

Auch Eddie Irle wünschte sich als kleiner Junge manchmal in eine andere Welt hinein: mit Putzfrau und Süßigkeitsschrank, so wie er es bei seinen Freunden erlebte. Doch im „Haus der Verrückten“, wie die WG seiner Eltern in einem Dorf bei Dortmund genannt wurde, gab es stattdessen Diskussionen um Politik und Liebe. „Dieser Nach-68er Existentialismus machte mich manchmal fertig. Ich wollte wie andere Kinder sein und in geordneten Verhältnissen leben.“ Dennoch fand Eddie Irle diese Zeit toll und spannend, schon allein wegen der vielen Konzerte und Theaterbesuche. Und er war stolz auf seinen Vater, der Musik machte. Obwohl Eddie Irle im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder den Ruhrpott verließ, betrachtet er ihn noch immer als seine Heimat und natürlich schlägt das Herz für die „Borussen“ besonders hoch. In München erlebte er dann eine ganz andere Sphäre. Seine Eltern gaben sich, wenn auch nur kurz, auf einmal bürgerlich. „Mein Vater verdiente als Manager gut Kohle, fuhr einen Firmenwagen und wir wohnten in einem Reihenhaus.“ Bis dahin waren für Eddie Markenklamotten geradezu verwerflich, eben nur Schein und nicht Sein. Doch nun wollte auch er „Chucks“-Turnschuhe tragen und spürte den Gruppenzwang und Opportunismus. Den alten Klamotten der Cousine blieb er dennoch treu.

Speyer war die nächste Station der umtriebigen Familie und diese Stadt bezeichnet Eddie Irle als seine Jugendheimat. Alles kreiste jetzt um die Musik. Fast jedes Instrument hat er angefangen zu spielen, so wie er auch beinahe jede Sportart ausprobierte. Doch nichts war von Dauer. Bis er sich mit 14 einer Band anschloss, Texte schrieb und rappte. „In meinen Songs besang ich, was ich für ein toller Typ bin und dass man an sich glauben muss und ausbrechen kann.“ Er mochte die Coolness und wollte zugleich die Welt verändern, mit Normen brechen, die Revolution beschreien. „Es war mir sehr ernst damit. Ich dachte, wenn wir ein anderes System haben, sind auch die Leute glücklich. Wenn man im linken Umfeld aufwächst, glaubt man eben: der Kapitalismus ist böse und der Sozialismus gut. Glücklicherweise sahen meine Eltern das differenzierter und sie zeigten mir auch die Schattenseiten, wie sie in der Unterdrückung in der DDR zu sehen waren.“ Während dieser Suche nach Utopia hatte er auch verzweifelte Phasen. Und ihm wurde immer klarer, dass jeder für sich selbst einstehen muss.

Doch da lebte er bereits mit seiner Freundin in einer WG in Berlin. Geld verdiente er im Altersheim, abends rappte er über die Bühne. Doch die Großmutter drängte ihn dazu, etwas Konkretes anzugehen. „Und da dachte ich ganz naiv, Schauspiel ist ja so ähnlich wie Musik und ging ans Theater. Ich hoffte auf eine Fortsetzung meines Rock’n’Roll-Lebens und des Angehimmeltwerdens.“

Im „Theater gegen Mittelstand“ spielte er als erstes die große Rolle des einsamen Wolfes und Mörders Roberto Zucco. „Ansonsten ging es nicht um große Schauspielkunst, sondern um Aktionismus.“ Dennoch ermunterte ihn das Team, erst einmal eine Schauspielausbildung zu machen, um das richtige Unterfutter zu bekommen. Er ging an die HFF in Babelsberg, um in Berlin wohnen bleiben zu können. „Hätte es dort nicht geklappt, wäre ich aber auch weiter weg gegangen.“ Denn die Schauspielerei hatte ihn mit Haut und Haaren gepackt. Und da ertrug er es auch, dass man ihm die krumme Körperhaltung des Rappers gerade bog.

Doch bestimmte Dinge haben sich tief eingebrannt und die hat er vom Theater Magdeburg auch mit ans Hans Otto Theatre gebracht. Gern spielt er den Ausgetickten, den „Macker“, wie in „Der Architekt“ oder in der „Glasmenagerie“. Aber er möchte mehr sein als der Haudrauf-Bauchmensch, eben alle Facetten des Menschen durchleuchten. Wie jetzt bei Otto, wo es um eine ganz andere Körperlichkeit geht, und der Kopf mehr gefragt ist. „Ich habe das Gefühl, meine Aufgaben werden größer und anspruchsvoller.“

Eddie Irle spricht über die Verantwortung des Einzelnen, von Ehrlichkeit und den kleinen Schritten in eine bessere Welt, die jeder gehen kann. Immer wieder fällt das Wort Gott, obwohl er nicht gläubig ist und an keine höhere Macht glaubt. „Der Mensch selbst muss der Welt einen Sinn geben.“ Und für ihn ist die Bühne das Podium dafür.

Schnitzlers „Das weite Land“ bezeichnet er als hochaktuell, gerade angesichts der Verrohung der Sexualität und der Kühle in Beziehungen. „In diesem Stück prallen ganz verschiedene Liebes- und Lebenskonzepte aufeinanderprallen.“ Er selbst glaubt wie Otto an die große Liebe. Und er erwischt sich dabei, dass er selbst zu Otto wird und nicht begreifen kann, dass Genia Hofreiter, in die er unsterblich verliebt ist, sich nicht von ihrem Mann lossagt, obwohl ihr Gatte sie ständig betrügt.

Der 29-Jährige lebt die Liebe, die ihm wie die Freunde und Familie das wichtigste ist. Neben dem Theater. Und dem Rappen. Denn ab und zu zieht es ihn wieder zur Musik.

Und so heizt er mit seinem Sprechgesang und zwei Schauspielerkollegen im März beim „Nachtboulevard“ dem Publikum wieder in alter Coolness ein. Das geht mittlerweile auch mit normal sitzenden Hosen. Heidi Jäger

Premiere „Das weite Land“ ist am Samstag, dem 23. Januar um 19.30 Uhr im Neuen Theater