Kultur : Pur und unverstellt

Auftakt von „Voice in Concert“ im Nikolaisaal

Andrea Schneider
Foto: promo

Dass ein Mensch, der die zwei Seiten in sich selbst auslotet, die manchmal vom Hellen ins Dunkle führen, nicht unbedingt verkopft oder verschlossen wirken muss, bewies am vergangenen Freitagabend im Nikolaisaal die junge Musikerin Synje Norland. Die zierliche blonde Singer Songwriterin, gebürtige Nordfriesin, blickt auf einen Lebenslauf zurück, der von Rebellion und Freiheitsliebe geprägt zu sein scheint.

Als Kind einer Musikerfamilie bringt sie sich mit zehn Jahren das Gitarre spielen bei, bricht mit 16 die Schule ab und beschließt, ab jetzt nur noch Musik zu machen. Es zieht sie hinaus in die Welt, zuletzt verliert sie ihr Herz an Kanada und in ihre Musik lässt sie ein Lebensgefühl einfließen, das von Fernweh und der Suche nach den richtigen Wegen geprägt ist. 2007 gründet sie zusammen mit ihrem Vater das Label Norland Music und veröffentlicht das erste Album: „Skipping Stones“.

Ihr Pragmatismus und die richtigen Kontakte verhelfen ihr zu Aufträgen für Film- und Fernsehmusiken. Band und Spielmannszug, die sie sonst auf ihren Konzerten begleiten, ließ sie für den Abend in Potsdam zu Hause – lediglich Michael Becker und sein Cello begleiten sie auf ihrer Tour, auf der sie ihr neues Album „To The Other Side“ vorstellt. Ein echter Glücksfall übrigens, dieser Michael Becker!

Der Musiker, der bereits auf Synje Norlands erstem Album „Skipping stones“ zu hören ist, der rege auch mit anderen Projekten konzertiert und eine musikalische Bandbreite von Klassik über Jazz bis Pop beherrscht, überzeugte das Potsdamer Publikum mit seinem Spiel, das so überraschend vielfältig geriet, dass der Eindruck entstand, Synje Norland wäre doch mit kompletter Band angereist. Der Cellist zupfte und klopfte, holte aus seinem Instrument Töne, die an eine singende Säge oder an einen Bass, auch an eine Geige erinnerten und so für ebenso viel Klangfarbe sorgten, wie die Stimme der jungen Vokalistin, die diesen Abend ganz unumstritten dominierte.

Pur und unverstellt, die Gitarre umgehangen, in bequemer weiter Hose und auch sonst völlig ohne Schmuck, dafür mit offenem Lächeln und viel Gefühl sang Synje Norland über die Liebe, das Ja zum Leben, über den Konflikt zwischen Wollen und Können oder ihre Begegnung mit einem ehemaligen Kindersoldaten, der, ihr eigener Jahrgang, bereits Erfahrungen gemacht hatte, welche die junge Frau wegen ihrer erschreckenden Düsternis erst ein halbes Jahr nach dem Zusammentreffen in einen Text verwandeln konnte. Dunkel und wütend ließ sie ihre Stimme diesen so ungleichen Lebenslauf von Tod und Flucht erzählen, der in starkem Kontrast zur eigenen, behüteten Kindheit steht, die alle Türen aufmacht und eine Karriere befördert, die nach oben sicher noch viel Luft hat.

Wie sie da so stand auf der Bühne des Nikolaisaal-Foyers und mit geschlossenen Augen das Unrecht anklagte, erinnerte sie sehr an die Frontfrau der Cranberries, Dolores O’Riordan, die mit ihrem Song „Zombie“ ähnliche Wirkung erzielte. Auch einem Vergleich mit Alanis Morisette würde Synje Norland sicher standhalten. Töne wie Samt, rauchig und dunkel, manchmal fasst verhaucht, beinahe gesprochen, um dann wieder spitz zu werden wie Nadelstiche. Andrea Schneider

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