• Punk-Konzert im Potsdamer Archiv: Ein verschwitztes Gefühl des Glücks

Punk-Konzert im Potsdamer Archiv : Ein verschwitztes Gefühl des Glücks

Aus Mexiko über Prag, Italien und die Schweiz bis nach Potsdam: Die Punkband Acidez im Archiv.

Oliver Dietrich
Viele Songs, ein Schema, na und?
Viele Songs, ein Schema, na und?

Potsdam - Schummriges Licht, Luft wie kurz vor dem Regen, ein ganz normaler Abend im Archiv. Aus den Lautsprechern schallen die Dead Kennedys, hinten in der Ecke wird der Kickertisch umzingelt – Nieten und Leder dominieren das Erscheinungsbild. Es ist Mittwoch, und ein ganz besonderes Konzert, das vom Veranstaltungskollektiv „Brigada Caoz“ präsentiert wird: Zu Gast ist die mexikanische Streetpunk-Band Acidez, 2003 in Guadalajara gegründet und seitdem regelmäßig in Europa unterwegs.

Auch in diesem Jahr: Ende Juni startete die Tour in Prag, dann ging es über Italien und die Schweiz nach Deutschland – bis Mitte August steht so gut wie jedes Land auf dem Kontinent auf dem Tourplan. „Eigentlich arbeiten wir das ganze Jahr, um uns dann sechs Wochen Tour durch Europa leisten zu können“, erzählt Bassist Soti. Immerhin: Die Band feiert das 15-jährige Jubiläum – und war am Mittwoch schon zum zweiten Mal im Archiv.

Brechend voll ist es am Mittwochabend nicht im Archiv, sodass fast schon familiäre Atmosphäre aufkommt. Die Supportband hat keinen so weiten Anreiseweg wie die Mexikaner: Normenkollision kommen aus Burg bei Magdeburg – und haben den Ersatzschlagzeuger dabei. Man habe erst dreimal miteinander geprobt, entschuldigt sich das Trio – die latente Holprigkeit der Deutschpunk-Songs verzeiht man jedoch gern, der improvisierte Charakter des Konzerts macht schließlich Spaß. Musikalisch geht es geradeaus, verziert mit Streetpunk-Chorus. Es ist laut, es hallt, der Gesang schallt durchs Gewölbe – verstehen kann man ihn nicht, dafür bleiben die Ansagen des Sängers trotz des anhaltinischen Akzents verständlich: „Zu tief ins Glas geschaut“ heißt ein Song, ansonsten geht es um den Boykott von Banken oder um Fußball. Punk ohne Klischees, das hat noch nie funktioniert.

Der Spaß daran liegt letztlich in der Selbstironie. Und diese Selbstironie war bei Acidez sogar noch deutlicher zu spüren: schrammeliger Fast-Forward-Punk der amerikanischen Sorte, blecherner Bass, das Schlagzeug konsequent im D-Beat – Acidez verquirlten Punk, Hardcore und Metal zu einer unwiderstehlichen Mischung. Das musikalische Oeuvre von Acidez lässt sich am ehesten mit den New Yorkern The Casualties vergleichen: metallische Aggressivität, die sich dennoch nie von Melodien lösen kann. Viel Show, aber auch viel schmutziger Rock’n’Roll – eine perfekt abgestimmte Choreografie, die einfach keine Pause zuließ. Noch ein Song, und noch einer. Eine zarte Sehnsucht nach einem zünftigen Irokesenschnitt keimte auf.

Und so wälzte sich der Punkrocktruck vorwärts, die Meute tanzte dazu ungelenk – man muss es einfach lieben. Da mag ein Song wie der andere klingen, oder zumindest nach demselben Schema gebaut sein – das sind doch alles nur halbgare Weisheiten für ungeübte Ohren.

Was ganz am Ende bleibt, ist ein verschwitztes Gefühl des Glücks und ein Rauschen in den Ohren, das man zurück in die verregnete Nacht trug. Zu viel Ruhe ist auch nicht gut. 

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