• Psychogramm einer zerrissenen Seele

Kultur : Psychogramm einer zerrissenen Seele

Gedenkkonzert für Gerhard Rosenfeld

Gedenkkonzert für Gerhard Rosenfeld Er sei immer auf der Suche gewesen, habe sich fast meditativ im Leben und in seiner Musik gegeben, sucht Peter Rainer das Wesen des Bergholz-Rehbrücker Komponisten Gerhard Rosenfeld zu ergründen. „In seiner Musik ist viel Spannung drin, die sich allerdings nur selten löst. Sein Tonsatz ist sehr rhapsodisch. Als Solist erhält man viel Freiraum zum Gestalten, kann sich auf die harmonische und melodische Entwicklung eines Tones konzentrieren.“ Der Konzertmeister der Kammerakademie Potsdam weiß, wovon er spricht. Hat er doch das Fragment des Rosenfeldschen Violinkonzertes erfolgreich uraufgeführt, in anderen Piecen brilliert. Und so gehört er natürlich zu jenen zahlreichen Freunden und Verehrern des verstorbenen Komponisten, die sich zu einem Gedenkkonzert anlässlich des bevorstehenden zweiten Todestages (am 7. März) im großen Saal des Alten Rathauses versammelt haben. Es ist eine ziemlich stattliche Bewunderungsgemeinde geworden, die der Einladung von Gerhard Hartmann gefolgt ist, der über vierzig Jahre lang dem Komponisten als Librettist zur Seite stand. Dem Ruf zu dieser Hommage ist auch die Geigerin Jenny Abel gefolgt, die mit dem Tonsetzer eine langjährige Künstlerfreundschaft verband und für die Gerhard Rosenfeld drei Sonaten komponierte. Sie erklingen in chronologischer Abfolge, beginnend mit der Sonate für Violine solo von 1991. Sie eröffnet sich mit aggressiven Ostinati, findet zu einem zerrissenen Klanggestus, der immer wieder von lyrischen Linien und Floskeln unterbrochen wird. Jenny Abel spielt nicht nur dieses Stück mit kraftvollem Strich, sodass die (gerissenen) Haare des Geigenbogens wild flattern. Schmerzlich schön singt das Adagio, wobei Kleingliedriges an Kapriziöses denken lässt. Klagelaute und Seufzermelodik sind in den Ecksätzen zu vernehmen. Zornig und schroff, dann wieder larmoyant und innig geht es zu. Es scheint sich allenthalben Zeitgeist zu spiegeln. Das Stück endet im Nichts. Aus einem prägnanten Geigenthema und einer bassmulmenden, dann wie cembalogezupft wirkenden Klavierantwort formt sich in der „Pour Brancusi“-Sonate (1995) ein geradezu zärtlich-spröder Dialog in spannungsreichem Spiel. Zusammen mit dem rumänischen Pianisten Mihai Ungureanu entwickelt sich ein höchst amüsanter Saitenwettstreit. Die Melodielinien singt „Sie“, kurz angebunden antwortet „Er“. Beide Künstler lieben dabei den großen, kraftvollen Ton, die klangklare Geste, die genaue Diktion. Doppelgriffige Hürden sind für Jenny Abel dazu da, gemeistert zu werden. Auch in der „Sonate 2002" für Violine und Klavier. Quälende Selbstzweifel des Tonsetzers scheinen nunmehr überwunden zu sein. Es überwiegt ein expressiver Ton, der durch die Mischung von kantablen Momenten und grotesken Einfällen viel von Rosenfelds psychischer Befindlichkeit erzählt. Auch hier tritt das Klavier erneut mit signalartigen Stakkati hervor. Heiterkeit und trillerreiche Sechzehntelläufe beherrschen die Drei Klavierstücke (1999), die sich als ausdrucksstarke, kurze und kurzweilige Charakterbilder entpuppen. Virtuos und energisch kommt das Allegro daher, gedankentief und gefühlvoll ausgelotet das Adagio, zupackend und schließlich sogar heroisch das Vivace. Mit klarem, eindringlichem Anschlag versteht es Mihai Ungureanu den anspruchsvollen Piecen einen Hauch von Unbekümmertheit und spielerischer Leichtigkeit zu verleihen. Die „Eindrücke der Kindheit“, folkloristisch eingefärbte Genrebilder für Violine und Klavier des rumänischen Tonsetzers George Enescu, profitieren von solcher Spielhaltung. Teilweise sehr naturalistisch geht es in diesen Erinnerungen zu, wenn gleichsam heulende Saitenspiele den „Wind im Kamin“ suggerieren oder klägliches Geigentirilieren den „Vogel im Käfig“ imaginiert. Schließlich geht strahlend, und ein wenig heroisch, die Sonne auf. Gerhard Rosenfeld hat den Zyklus gemocht, vor allem, wenn er von seiner Lieblingsgeigerin gespielt wurde. Nun wissen wir, warum. Und so ehrten wir ihn, indem wir uns seiner Musik aufgeschlossen und aufmerksam hingaben.