• Premiere: Tausche Prince Charming gegen bezauberndes Untier

Premiere : Tausche Prince Charming gegen bezauberndes Untier

Märchen, klischeefrei: Marita Erxlebens inszeniert Paul Maars Kinderklassiker „In einem tiefen dunklen Wald“ in der Reithalle.

Astrid Priebs-Tröger
Wendig. „In einem tiefen, dunklen Wald“ wirbelt Märchenmotive durcheinander. Kein Prinz rettet die Prinzessin (Nadine Ewa Noack), sondern ein Untier (Matthias Gärtner).
Wendig. „In einem tiefen, dunklen Wald“ wirbelt Märchenmotive durcheinander. Kein Prinz rettet die Prinzessin (Nadine Ewa Noack),...Foto: G. Gnaudschun

Potsdam - Prinzessinnen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren! Anstatt in rosa Spitzenkleidern auf einen königlichen Bräutigam zu warten, liefern sie sich freiwillig einem gefährlichen Waldungeheuer aus, um sich dann doch nicht in den ersehnten Retter, sondern in das bezaubernde Untier zu verlieben.

So geschieht es jedenfalls im Kindertheaterstück „In einem tiefen dunklen Wald“, nach der bekannten Erzählung von Paul Maar, das am Dienstagvormittag in der Reithalle des Hans Otto Theaters zur Premiere kam – und das sowohl mit Geschlechteridentitäten und -rollen als auch mit Märchenstereotypen spielt.

Das Stück beginnt ganz unspektakulär in einem Klassenzimmer. Vier Schüler sollen sich hier, weil ihre Lehrerin erkrankt ist, selbstständig mit einem Wald-Projekt beschäftigen. Als statt einer Lehreraufsicht ein Kleiderständer mit zahlreichen Kostümen in der Klasse auftaucht, braucht es nur noch genügend Fantasie, um in ein sehr lebendiges Spiel einzutauchen, das natürlich auch ein Rollenspiel ist. In der Regie der Potsdamer Choreografin Marita Erxleben gibt es zeitgemäße Tanzeinlagen dabei inklusive.

Offenes Ende

Und nicht nur die Schüler auf der Bühne tauchen hier in die ziemlich verrückte und modern anmutende Märchenwelt, auch das junge Publikum aus Grundschülern im Theatersaal. Letzteres greift nicht nur einmal lautstark in die Handlung ein – „Das Ungeheuer ist hinter dir!“, sondern bejubelt auch am offen gelassenen Ende die sehr agilen Schauspieler.

Denn Nadine Ewa Noack als selbstbewusste Henriette, Alexandra Riemann als neugierige Simplinella, Lukas Benjamin Engel als charmanter Diener Lützel und Matthias Gärtner als raubeiniges Untier mit Sprechfehler schlüpfen nicht nur in unterschiedliche Rollen, sondern agieren allesamt ungemein körperlich beweglich in diesem wandelbaren Klassenzimmer mit den höhlenartigen Wandschränken und ausgestopften Eulen, das Julia Schiller gestaltet hat. Auch die schöne Videosequenz (eine Riesenschnecke, die sich den Kreidewald auf der Tafel bewegt) von Yeni Harkányi und die vorantreibende Musik von Michael Boden runden die quicklebendige Inszenierung ab.

Stühle dienen der Annäherung

Da geht es im Klassenzimmer nicht nur buchstäblich über Tische und Bänke, sondern mithilfe dicker Aktenordner werden reißende Flüsse überquert. Oder zwei Stühle, nacheinander bestiegen und dabei vorwärtsbewegt, dienen sowohl als Übergang in den gefährlichen Wald als auch als Möglichkeit, sich zu beschnuppern und so langsam näherzukommen.

Anders als in traditionellen Märchen will hier nicht ein starker und mutiger Prinz die im Wald festgehaltene Prinzessin Henriette befreien. Hier ist es die als Junge verkleidete, zarte Prinzessin Simplinella, die sich auf diesen abenteuerlichen Weg gemacht. Vor allem aus Langeweile – und um ihr eigenes winziges Königreich zu vergrößern!

Dass sie sich dabei in Henriettes charmanten Diener Lützel verliebt, der eigentlich in seine Herrin verschossen ist, war so nicht geplant. Und so läuft denn – wie im richtigen Leben – manches anders, als man denkt und es kommt darauf an, jederzeit flexibel zu sein.

Pointenreiche Dialoge

Das schaffen die Vier ganz wunderbar. Und auch Paul Maars pointenreiche Dialoge lassen „In einem tiefen dunklen Wald“ zu einem witzigen und spritzigen und dabei tiefgründigen Theatererlebnis werden, das anzuschauen auch Erwachsenen Spaß macht. Denn bekanntlich lässt auch sie das Thema Geschlechterrollen in dieser durch Gender-Marketing zunehmend pinkifizierten Gesellschaft ja nicht wirklich los.

Kinderbuchautor Paul Maar, der das Buch bereits 1998 schrieb, ließ es sich nicht nehmen, dem Potsdamer Inszenierungsteam auf Facebook alles Gute zur Premiere zu wünschen. Sein Daumendrücken hat offensichtlich geholfen: Das Buch, das Maar selbst eines „seiner Lieblingsbücher“ nennt, wurde hier mit viel Esprit auf die Bühne gebracht.

„In einem tiefen, dunklen Wald“, nächste Vorstellung am Montag, dem 19. Februar, um 14 Uhr

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